1976 erregte der japanische Filmemacher Nagisa Ōshima
internationales Aufsehen mit seinem erotischen Drama „Im Reich der Sinne“,
das mit seinen expliziten Sexszenen fast schon als pornografisch betrachtet
werden konnte. Zwei Jahre später blieb sich der 2013 verstorbene Drehbuchautor
und Regisseur mit „Im Reich der Leidenschaft“ thematisch treu, setzte
aber eher den Fokus auf die Liebe als auf den Sex und verfilmte dabei einen
Roman von Itoko Namura.
Inhalt:
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verliebt sich die etwas
ältere, aber attraktive Bäuerin Seki (Kazuko Yoshiyuki) in den zwanzig Jahre
jüngeren ehemaligen Soldaten Toyoji (Tatsuya Fuji). Da Seki jedoch mit
dem Rikschafahrer Gisaburo (Takahiro Tamura) verheiratet ist, beschließt
das frisch verliebte Paar den im Weg stehenden Ehemann zu töten, wobei Seki ihren
Mann zunächst mit Sake abfüllt und ihn dann zusammen mit ihrem Liebhaber
erdrosselt. Die Leiche entsorgen sie schließlich in dem im Wald liegenden
Brunnen. Doch die Tat bleibt nicht ohne Folgen, denn Gisaburos Geist sucht die
beiden Mörder auch drei Jahre nach dem Geschehen immer noch heim. Gleichzeitig
glauben die Nachbarn nicht an die Erklärung, die ihnen Seki und Toyoji einst
zum Verschwinden des Ermordeten gegeben haben. Angeblich sei Gisaburo nach
Tokio gezogen, doch die örtlichen Behörden haben Zweifel an der Geschichte und
beginnen Nachforschungen anzustellen...
Kritik:
Im Gegensatz zum skandalumwitterten Erotikdrama „Im Reich
der Sinne“ setzte Nagisa Ōshima in seinem nachfolgenden Werk auf
ruhigere, konventionellere Töne und eine fast märchenhafte Inszenierung. Sex ist
zwar auch hier die Triebfeder, die die Akteure prägt, doch steht die umfassendere
Liebe mehr im Mittelpunkt und wird in einen größeren Kontext eingebettet, der
vor allem das Spannungsfeld zwischen privatem und öffentlichem Leben
thematisiert. Während der vom Liebespaar getötete Rikschafahrer Gisaburo vermeintlich
im Großstadttreiben von Tokio untergetaucht ist, soll der ermittelnde Inspektor
Klarheit in eine Angelegenheit bringen, die von Gerüchten im Dorf ins Rollen
gebracht worden ist. Hier stehen die Zivilisation der Großstadt und tiefer
Aberglaube auf dem Land im Widerspruch, und der Inspektor macht diesen
Gegensatz immer wieder deutlich, wenn er mit seinen Methoden von Verhör und
Folter genau die Praxis anwendet, die die Dorfbewohner von ihrer Regierung
gewohnt sind. Dieses Gefühl der Überlegenheit wird gerade in dem Moment deutlich,
als der Inspektor die verdächtige Ehefrau schamlos als Sexobjekt betrachtet.
Darüber hinaus wirft Ōshima auch einen tiefen Blick in das magische
Denken der Dorfbewohner, und wenn der Geist aus dem Unbewussten, wofür auch symbolisch
der Brunnen steht, in dem die Leiche des Rikschafahrers geworfen wurde, nicht
nur die Mörderin, sondern auch andere Menschen im Dorf heimsucht, wird die
Bedeutung des Glaubens an Geister deutlich hervorgehoben. Sowohl Kameramann Yoshio
Miyajima als auch Komponist Tôru Takemitsu unterstützen die magische,
märchenhafte Atmosphäre des Dramas auf eindringliche Weise.
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