Sekten und Sektenführer sowie die in ihrem Inneren
praktizierten Verhaltensregeln sind immer wieder als Thema in Filmen, Serien
und Dokumentationen aufgetaucht, sei es in Blockbuster-Produktionen wie Ron Howards
Adaption von Dan Browns Bestseller „Illuminati“ und Paul
Thomas Andersons „The Master“ oder weniger spektakulären Werken wie Alex
Gibneys HBO-Dokumentation „Scientology - Ein Glaubensgefängnis“. Die
britische Netflix-Miniserie „Unchosen“ präsentiert sich da bodenständiger.
Inhalt:
Eigentlich war Rosie (Molly Windsor) ja ganz
glücklich mit dem Leben, das sie mit ihrem Mann Adam (Asa Butterfield)
und ihrer Tochter Grace führt, auch wenn sie wie ihre Schwägerin gern mehr Kinder
und einen liebevolleren Mann hätte. Als Teil einer religiösen Gemeinschaft,
welche abgeschieden von der Außenwelt lebt und durch das von Adam geleitete Sägewerk
sich auch autark finanzieren kann, wird der Kontakt zu anderen Menschen nicht
gern gesehen. Adams Bruder Isaac (Aston McAuley) wird aus der Gemeinschaft
verstoßen, als seine Affäre zu einer Nicht-Erwählten ausgerechnet durch Adam
verraten wird. Und auch sonst brodelt es in der Gemeinschaft. Mr. Phillips (Christopher
Eccleston), der Vorsteher der Gemeinschaft, kann seine Hände weder von den
jungen Frauen in der Gemeinschaft noch vom Alkohol lassen, was seine Frau (Siobhan
Finneran) zunehmend verhärmt. Als der entlaufene Sträfling Sam (Fra Fee)
zufällig Grace aus einem See im Wald rettet, nimmt ihn die Gemeinschaft dankbar,
aber auch etwa skeptisch auf. In ihm findet Rose die leidenschaftliche Zuneigung,
die Adam schmerzlich vermissen lässt. Doch je mehr Rose ihre Gefühle geheim
hält, desto mehr findet Sam einen Weg, sich seine Skeptiker vom Hals zu
schaffen…
Kritik:
Es fängt alles ganz harmlos an. Showrunnerin Julie Gearey („Prisoners Wives“, „Intergalactic“) erzählt in der sechsteiligen Mini-Serie von einer in sich
geschlossenen religiösen Gemeinschaft, in der Gottes Wort, die darin gepredigte
Liebe und das Verzeihen ehrlich bereuter Sünden das Fundament des
Zusammenlebens bilden. Was in den täglichen Versammlungen aber gepredigt wird, sieht
hinter den Türen der einzelnen Familien oft ganz anders aus. Rosie wird von
ihrem Mann stets von hinten genommen und auch vergewaltigt, Isaac liebt zwar
seine Kinder, hat sich aber in eine Frau außerhalb der Gemeinschaft verliebt.
Und Mr. Phillips nutzt seine Position als Hirte der Gemeinschaft skrupellos
aus. Das mag alles nicht überraschen, ist aber ganz stimmig inszeniert, auch wenn
sich die Geschichte auf nur wenige Figuren beschränkt, die nicht sehr fein
gezeichnet erscheinen. Der Fokus liegt eher darauf, wie ein Nicht-Eingeweihter
das fragile Netz von außen zu zersetzen beginnt und dabei genau weiß, welche
Knöpfe er drücken muss, um die Menschen um sich herum gefügig zu machen. In
Rose entfacht er die unterdrückte Sexualität, Adam bringt er mit homoerotischen
Gesten aus dem Gleichgewicht, und Mr. Phillips spricht er mit religiösem Eifer
an. Das ist über sechs Folgen dramaturgisch sehr langsam aufgebaut, selten
spannend, aber auf oberflächliche Weise doch packend genug, um sechs Folgen gut
am Ball bleiben und beobachten zu können, wie fragil streng religiöse
Gemeinschaften am Ende doch sind.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen