Was Sie schon über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten

1969 veröffentlichte der US-amerikanische Arzt David Reuben das Sexualkundebuch „Was Sie schon über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“, das nicht nur in den USA einen starken Einfluss auf die Sexualerziehung ausübte, sondern in 54 Sprachen übersetzt und in 52 Ländern mit einer Gesamtauflage von über 150 Millionen Exemplaren verkauft wurde. Für Woody Allen war dies der passende Anlass, 1972 eine herrlich überdrehte, episodisch angelegte Parodie über das sehr konservative Werk zu inszenieren, wobei er gleich den Namen des Buches übernahm.

Inhalt:

In sieben in sich abgeschlossenen Episoden setzt sich Woody Allen mit bestimmten Fragen zur Sexualität auseinander. So spielt er in der ersten Episode „Wirken Aphrodisiaka?“ einen Hofnarren, der seinen König (Anthony Quayle) nicht zu amüsieren versteht und deshalb um sein Leben fürchten muss. Als sein toter Vater ihm erscheint und ihm befiehlt, mit der Königin (Lynn Redgrave) zu schlafen, will er ihr ein Getränk mit einem starken Aphrodisiakum einflößen…
In „Was ist Sodomie?“ wird der Arzt Doug Ross (Gene Wilder) von einem armenischen Schafhirten aufgesucht, der sich in Daisy, eines seiner Tiere, verliebt und auch mit ihr Sex gehabt habe. Da die Liebe mittlerweile von Daisys Seite aus erloschen sei, soll der Doktor dem Schaf gut zureden, der sich allerdings ebenfalls in das Tier verliebt, sich ein Hotelzimmer nimmt und seine Beziehung zu dem Schaf seiner Frau verheimlicht…
„Warum haben manche Frauen Schwierigkeiten, zum Orgasmus zu gelangen?“ erzählt von dem frisch verheirateten Italiener Fabrizio (Woody Allen) stellt in der Hochzeitsnacht fest, dass seine Frau Gina (Louise Lasser) offenbar frigide ist – bis Gina bemerkt, dass sie in einer Kunstgalerie unbändige Lust auf Sex bekommt. Fabrizio hat zunächst Skrupel, gibt diese aber schnell auf, als er merkt, dass gerade der Reiz, gesehen zu werden, seine Frau erregt. Von nun an schlafen die beiden an allen erdenklichen öffentlichen Orten miteinander, ob im Restaurant, auf Empfängen oder sogar im Vatikan, immer gereizt und getrieben von der Gefahr, entdeckt zu werden…
In „Sind Transvestiten homosexuell?“ besuchen Sam (Lou Jacobi) und seine Frau Tess die zukünftigen Schwiegereltern ihrer Tochter. Als Sam vorgibt, auf die Toilette gehen zu wollen, sucht er jedoch das Schlafzimmer auf und zieht sich die Sachen der Dame des Hauses an. Als sich jedoch der Hausherr nähert, klettert Sam aus dem Fenster, um nicht entdeckt zu werden. Auf der Straße vor dem Haus gerät er jedoch in einen Tumult, als ein Dieb seine Handtasche stiehlt. Sam versucht krampfhaft, sein wahres Geschlecht zu verheimlichen, indem er sich ein Taschentuch vor seinen Schnurrbart hält. Als jedoch die Polizei eintrifft und sich auch seine Frau und seine Gastgeber für die Szene interessieren, fliegt seine Identität auf…
In der Quizshow „Was bin ich für ein Perverser?“ müssen vier Prominente die sexuellen Vorlieben eines Gastes erraten muss. Der erste Kandidat, Bernard Jaffe, hat die Vorliebe, sich in der U-Bahn zu entblößen, was die Prominenten nicht erraten. Im zweiten Teil hat der Gewinner eines Zuschauerspiels die Möglichkeit, seine Perversion vor der Kamera auszuleben. In der heutigen Sendung ist es ein Rabbi namens Chaim Baumel, der es liebt, sich fesseln zu lassen…
Die Frage „Was geschieht bei der Ejakulation?“ wird durch eine Versuchsanordnung im Kontrollzentrum nachgestellt. Der Leiter (Tony Randall) gibt Befehle an den Magen, die Verdauung zu pausieren, weist Augen und Ohren die Kontaktaufnahme an, spornt das Lustzentrum an, die unzureichende Erektion zu erhöhen. Unterdessen warten die Spermien gespannt auf den Höhepunkt ihrer Ausbildung. Nur ein Exemplar (Woody Allen), das eine schwarze Hornbrille trägt, hat Angst, weil es nicht weiß, was passieren wird…

Kritik:

Woody Allen nutzt den Bezug zum populären Sexualkunde-Buch zum frivol-witzigen Rundumschlag nicht nur gegen die oft sehr konservativen Ansichten (so wird Homosexualität noch als Krankheit angesehen), sondern bedient sich auch munter bei der Film- und Fernsehgeschichte. So ist die italienisch gesprochene Episode an eine Anspielung auf die Filme von Michelangelo Antonioni („Die Nacht“, „Liebe 1962“), die Episode „Sind die Ergebnisse der Ärzte und Kliniken, die Sexualforschung betreiben, genau zutreffend?“ stellt eine Satire auf die Horror- und Science-Fiction-B-Movies der 1950er Jahre dar, während die schwarz-weiß gedrehte Episode um die Perversität eine Parodie auf die lange Jahre populäre Fernsehsendung „What’s my Line?“, dem Vorbild für „Was bin ich?“ mit Robert Lembke ist. Auf seine eigenwillige Art spürt Allen innerhalb verschiedener Gesellschaftsschichten, Milieus und Zeitebenen den fleischlichen Gelüsten der Menschen nach und findet immer wieder einen anderen Blickwinkel, der die Bemühungen und Absonderlichkeiten menschlichen Sexlebens herrlich demaskiert.

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