Der Brite William Nicholson ist bislang als Drehbuchautor
von Filmen wie „Nell“, „Gladiator“, „Shadowlands“ und „Mandela: Der
lange Weg zur Freiheit“ bekannt geworden, trat 1997 mit Drama „Verborgenes
Feuer“ aber auch erstmals als Regisseur seiner eigenen Buchvorlage in
Erscheinung. Mehr als zwanzig Jahre später inszenierte Nicholson mit „Wer
wir sind und wer wir waren“ (2019) seine eigenen Erfahrungen mit der Zeit,
in der sich seine Eltern nach 33 Jahren Ehe trennten.
Inhalt:
Eigentlich führen die lyrikliebende, an einer Anthologie von
Gedichten über Einsamkeit arbeitende Grace (Annette Bening) und der
Geschichtslehrer Edward (Bill Nighy) eine glückliche Ehe – findet zumindest
Grace, auch wenn sie meint, Edward könnte etwas mehr Aufmerksamkeit ihr
gegenüber zeigen und auch mitteilsamer sein. Doch wenn er von der Schule nach
Hause kommt und kurz die Frage seiner Frau beantwortet, wie sein Tag gewesen
sei, erkundigt er sich weder nach ihrem Tag, noch bereitet er ihr ebenfalls
einen Tee zu, sondern setzt sich mit seiner Tasse Tee sofort an seinen Laptop, um
seiner wahren Leidenschaft nachzugehen, nämlich historische Ungenauigkeiten in
Wikipedia-Artikeln zu korrigieren. Da sich die streitlustige Grace jedoch mit
der konsequenten Wortkargheit ihres Mannes nicht abfinden will, stellt sie ihn
zur Rede. Edward will sich jedoch nicht – schon wieder - auf eine
Auseinandersetzung darüber einlassen, woran es Graces Meinung nach in der Ehe
hapert. Stattdessen hat er bereits ihren gemeinsamen Sohn, allein in der Stadt
lebenden Jamie (Josh O’Connor) nach Hause bestellt, um das Wochenende
für Grace erträglicher zu machen. Denn am folgenden Morgen, nach Graces
Rückkehr von der Frühmesse, eröffnet Edward seiner Frau, dass er sich in die
Mutter eines seiner Schüler verliebt habe und ausziehen werde…
Kritik:
William Nicholson hat die Leinwandadaption des
Bühnenstücks „Der Rückzug aus Moskau“ ans malerische Küstendorf Seaford
im englischen Sussex verlegt, womit das kammerspielartige Ehe- und
Trennungsdrama immer wieder durch luftige Ausflüge an die Steilküste unterbrochen
wird. Dass dabei jedoch keine Rosamunde-Pilcher-Stimmung aufkommt, liegt
vor allem an der temperamentvollen Verkörperung der krampfhaft an ihrer Ehe
hängenden Grace durch Annette Bening („American Beauty“, „Hallo, Mr.
President“) und dem fast schon stoisch ruhig agierenden Bill Nighy („Tatsächlich…
Liebe“, „Underworld“), die sich als so komplett unterschiedliche Eheleute
präsentieren, dass Edwards Frage berechtigt scheint, ob die Liebe nicht schon
längst erloschen sei. Für ihn lohnt es sich jedenfalls nicht zu kämpfen. Die
Entscheidung, zu einer Frau zu gehen, die ihn so akzeptiert, wie er ist, ohne an
ihm herumzumäkeln, steht felsenfest. Er ist dennoch um Worte verlegen, seine
Gefühle auszudrücken. In diesem Drama agiert ihr gemeinsamer Sohn Jamie als
Vermittler, der er gar nicht sein möchte. Er hat schließlich sein eigenes
Leben, hat selbst seine jüngste Beziehung vermasselt, besucht nun aber jedes
Wochenende seine Mutter, die nach der Trennung am Boden zerstört ist. Nicholson
bemüht einige Analogien, um den Gefühlszustand seiner Figuren zu
beschreiben. So lässt er Edward im Unterricht die Tagebücher französischer
Soldaten Revue passieren, die ihre sterbenden Kameraden ausgezogen und in der
Kälte sich selbst überlassen haben, um selbst zu überleben, und Grace verliert
sich natürlich in ihren Gedichten. Das ist fast etwas zu dick aufgetragen,
zumal es dem Drehbuch an vielen Stellen an Tiefe fehlt, um mit den Figuren
mitfühlen zu können, aber die idyllische Sonnenlandschaft an der Küste und die überzeugenden
Darsteller machen „Wer wir sind und wer wir waren“ dennoch sehenswert.
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