Vice – Der zweite Mann

Wer hätte gedacht, dass aus dem einstigen langjährigen „Saturday Night Live“-Autor und Regisseur von Buddy Movies wie „Der Anchorman“ (2004), „Ricky Bobby – König der Rennfahrer“ (2006) oder „Die etwas anderen Cops“ (2010) einmal ein so bissiger Kommentator unserer Zeit werden würde. Mit seinem Geniestreich „The Big Short“ (2015), mit dem Adam McKay die Folgen eines spekulativ aufgeblähten Immobilienmarktes in den USA thematisierte, die sich zu einer veritablen Weltwirtschaftskrise auswuchs, legte er 2018 mit „Vice – Der zweite Mann“ eine ebenso unterhaltsame wie erschreckend erhellende Biografie über den ehemaligen Vizepräsidenten Dick Cheney vor.

Inhalt:

Wyoming, 1963: Nachdem er wegen seiner ständigen Sauferei sein Stipendium in Yale verloren hat, schlägt sich der 22-jährige Dick Cheney (Christian Bale) als ungelernter Arbeiter mit dem Reparieren von Stromleitungen durch. Nach einer Anklage wegen einer Trunkenheitsfahrt stellt ihm seine Ehefrau Lynne (Amy Adams) ein Ultimatum: Sollte er sein Leben nicht auf die Reihe kriegen, verlässt sie ihn. Also geht Cheney nach Washington, wo er als Praktikant für Donald Rumsfeld (Steve Carell) tätig wird, einem Kabinettsmitglied, das unter Präsident Richard Nixon als Wirtschaftsberater fungiert.
Als der grobe Rumsfeld aus dem Machtzirkel Nixons ausgeschlossen wird, rekrutiert er Cheney als gewieften politischen Berater in Washington D.C. Nach dem Rücktritt Nixons gewinnt Rumsfeld unter Präsident Gerald Ford neuen Einfluss als Verteidigungsminister. Cheney wird zum bis dahin jüngsten Stabschef des Weißen Hauses ernannt. Er wird durch den aufstrebenden Juristen Antonin Scalia mit der „Theorie der einheitlichen Exekutivmacht“ (Unitary executive theory) vertraut gemacht.
Nachdem Ford die Präsidentschaftswahl gegen den demokratischen Kandidaten Jimmy Carter verloren hat, kämpft Cheney 1978 in seinem Heimatstaat Wyoming um einen Sitz im Repräsentantenhaus. Als er bei einer öffentlichen Rede seinen ersten Herzinfarkt erleidet, übernimmt Lynne den Wahlkampf für ihn. Cheney gewinnt die Wahl und steigt nach der Wahlniederlage von Carter gegen Ronald Reagan zu einem der einflussreichsten Politiker der 1980er-Jahre auf. Gleichzeitig wird Lynne, die als Journalistin und Buchautorin arbeitet, Vorsitzende des National Endowment for the Humanities. Die US-Regierung vernachlässigt Themen wie Abtreibung, Bürgerrechte oder Umweltschutz. Der Widerruf der Fairness-Doktrin in dieser Zeit sorgt für den Aufstieg des konservativen Nachrichtensenders Fox.
Nach einem Abstecher in den Privatsektor zieht Cheney schließlich als Vizepräsidentschaftskandidat an der Seite von George W. Bush (Sam Rockwell) in den US-Wahlkampf. Im Nachklang der Terroranschläge vom 11. September ist er es, der maßgeblich die Pläne für einen Krieg gegen den Irak vorantreibt – inklusive der Anweisung an Außenminister Colin Powell (Tyler Perry), bei einer Rede vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen über Saddam Husseins angeblichen Massenvernichtungswaffen zu lügen...

Kritik:

Es ist gemeinhin bekannt, dass der Job des Vizepräsidenten in den USA eher symbolischen Wert hat und mit wenig Einfluss einhergeht. Dass aus diesem vermeintlichen Handicap aber auch Chancen verbunden sind, macht Adam McKay mit seinem achtfach Oscar-nominierten Biopic „Vice – Der zweite Mann“ deutlich. Dick Cheney wird als Mann portraitiert, der - angetrieben von seiner ehrgeizigen Frau – wichtige Kontakte knüpft, die richtigen Strippen zieht und Koalitionen schmiedet, um im Schatten des ebenso ahnungs- wie planlosen George W. Bush die Dinge nach seinem Willen ins Rollen zu bringen, wobei er sich nicht mal durch regelmäßige Herzinfarkte aus der Ruhe bringen lässt.
McKay springt dabei munter zwischen den Jahren hin und her, platzt ungestüm anmutend in Szenen hinein, spielt geschickt mit Montagen und lässt darüber hinaus mit Jesse Plemons einen allwissenden Erzähler auftreten, dessen tragische Rolle erst zum Ende hin gelüftet wird. „Vice“ mag zwar in erster Linie das Portrait eines machthungrigen Politikers sein, der selbst nie wirklich im Rampenlicht stand, aber der Film zeigt vor allem, wie Politik funktioniert, wie Gelder in die großen Think Tanks gepumpt werden, um republikanische Themen voranzutreiben, wie juristische Schlupflöcher genutzt werden, um die (vize)präsidiale Macht zu stärken, und wie die Medienberichterstattung auf Linie getrimmt wird. Insofern bildet „Vice – Der zweite Mann“ bereits die Vorhut für die jetzige Trump-Regierung und macht verständlich, warum das Volk am Ende recht ohnmächtig gegenüber den Eskapaden aus dem Weißen Haus gegenübersteht. Adam McKay erweist sich als raffinierter Geschichtenerzähler, der seine sehr deutliche Botschaft unverhohlen vermittelt und dabei auf einen durchweg großartigen Cast bauen kann, allen voran der um etliche Kilos bereicherte Christian Bale („American Psycho“, „The Dark Knight“) als Dick Cheney.

 

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