Der Franzose Jean-Jacques Annaud fühlt sich
wahrhaftigen Geschichten verpflichtet, die sich idealerweise vor
atemberaubenden Naturkulissen abspielen. Das wird in seinen Tierfilmen „Der
Bär“, „Der letzte Wolf“ und „Zwei Brüder“ ebenso deutlich wie in den
Biopics „Der Liebhaber“ und „Duell: Enemy at the Gates“. Sein
1997 entstandenes Drama „Sieben Jahre in Tibet“ basiert auf dem
gleichnamigen Buch des österreichischen Bergsteigers Heinrich Harrer von
1952, das auf seinen Erlebnissen in Tibet zwischen 1944 und 1951 während des Zweiten
Weltkriegs und in der Zeit vor dem Einmarsch der Volksbefreiungsarmee in Tibet
im Jahr 1950 aufbaut.
Inhalt:
Obwohl seine Frau Ingrid schwanger ist, reist der egozentrische
österreichische Bergsteiger Heinrich Harrer (Brad Pitt) im Frühjahr 1939
als Mitglied einer Expeditionsgruppe unter Führung von Peter Aufschnaiter (David
Thewlis) in den Himalaya, um den Nanga Parbat zu besteigen. Lawinen und
ungünstiges Wetter lassen den Besteigungsversuch der Deutschen allerdings - gegen
Harrers Protest - scheitern. Ehe es zur Katastrophe kommt, treffen die
Kontrahenten just zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auf britische Militärs,
die ihr Recht als Kolonialmacht Indiens geltend machen und die Männer in ein
Internierungscamp stecken. Erst 1944 gelingt Harrer nach mehreren gescheiterten
Versuchen der Ausbruch. Widerwillig hatten sich Harrer und Aufschnaiter zusammengerauft
und sich mit anderen Mitgefangenen ins nahe Tibet abgesetzt. Die gegenseitige
Abneigung der beiden Männer wandelt sich auf ihren Wanderungen durch die
Bergwelt Tibets allmählich in eine Freundschaft. Aufschnaiters Sprachkenntnisse
und Harrers Ideenreichtum helfen ihnen, Schwierigkeiten zu meistern.
Schließlich gelangen sie verbotenerweise in die Hauptstadt Lhasa, wo sie im
Haus des Ministers Tsarong aufgenommen werden. Der Karrierediplomat Ngawang
Jigmê sucht ebenfalls ihre Bekanntschaft. Sie arbeiten für die tibetische
Regierung und werden stadtbekannt. Auch der 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso (Jamyang
Jamtsho Wangchuk) beobachtet die Ankömmlinge und will sie kennenlernen,
aber die Erzieher des jungen Prinzen verwehren ihm dies zunächst. Aufschnaiter
heiratet die schöne tibetische Frau Pema (Lhakpa Tsamchoe), für die sich
auch Harrer interessiert hatte, die ihm aber zu verstehen gab, dass sie sein
Egoismus gestört habe. Von Aufschnaiter ermutigt, schreibt Harrer Briefe an
seinen ihm unbekannten Sohn Rolf und plant, nach Kriegsende nach Österreich
zurückzukehren. Unterdessen wird die politische Lage in Tibet immer
angespannter. In China gewinnen die Kommunisten unter Mao Zedong den Krieg und
planen, Tibet an China anzuschließen. Als Harrer vom Ende des Zweiten
Weltkriegs in Europa erfährt, bereitet er seine Abreise vor…
Kritik:
Heinrich Harrers autobiografische Vorlage diente Annaud
eher als grobe Skizze denn als detaillierte Handlungsanweisung. Einige Elemente
in Annauds Film wurden aus dem Buch ausgeklammert – wie Harrers SS-Vergangenheit
-, viele weitere der dramaturgischen Wirkung hinzugefügt, wie etwa Aufschnaiters
Verbindung zu einer tibetischen Frau oder Harrers Wandlung vom rücksichtslosen Egomanen
zum Menschenfreund. Diese Transformation bildet das erzählerische Zentrum, in
dem die geplante Vereinnahmung Tibets durch China zwar thematisiert und auch in
einigen Schlachtszenen ausgeführt wird, aber kaum vertieft wird. Das trifft
auch auf die spirituelle Ebene zu, die eigentlich die Grundlage für Harrers
persönliche Entwicklung bilden sollte, aber eher auf die persönliche Beziehung
zwischen dem jungen, wissbegierigen Dalai Lama und dem weltgewandten Harrer
fokussiert wird. Seine besondere Stärke verdankt – wie sie oft bei Annauds
Filmen – „Sieben Jahre in Tibet“ den großartigen Landschaftsaufnahmen
und der einfühlsamen Musik, diesmal von Star-Komponist John Williams mit
Cello-Soli von Yo-Yo Ma. Da Annaud nicht in Tibet selbst drehen konnte,
verwendete er nur ein paar Bilder, die eine zweite Crew für einen vorgeschobenen
Dokumentarfilm dort aufnahm, und ließ den Großteil des Films im nördlichen
Argentinien entstehen, wo Annaud nicht nur die heilige Stadt Lhasa
aufgebaut hat, sondern wohin er auch Mönche wurden aus Indien einfliegen ließ -
zusammen mit Köchen, Lebensmitteln und Zutaten, damit sich die Schauspieler
wirklich wie in der damaligen Situation fühlten. Am Ende ist „Sieben Jahre
in Tibet“ ein spirituell angehauchtes Wohlfühl-Drama mit einem bestechend
arisch aussehenden Brad Pitt geworden, der seine Rolle souverän meistert.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen