The Raven

Edgar Allan Poe (1809-1849) war in seiner amerikanischen Heimat ein für lange Zeit kaum beachteter Autor, ehe ihn die Franzosen Charles Baudelaire und Stéphane Mallarmé durch ihre Übersetzungen erst in Europa berühmt gemacht haben und ihm so auch in den USA die Bedeutung zukommen ließen, die ihm als Großmeister der Horror-Literatur und Erfinder der Detektivgeschichte gebührte. Vor allem Roger Corman hat in den 1960er Jahren mit seinen atmosphärischen Adaptionen wie „Der Untergang des Hauses Usher“, „Die Maske des Roten Todes“ oder „Das Pendel des Todes“ dafür gesorgt, dass Poe auch im Kino zu einer einflussreichen Größe wurde, deren morbide Geschichten immer wieder für das Medium Film entdeckt wurden. James McTeigue („V wie Vendetta“) schuf nun mit „The Raven“ weniger eine Adaption von Poes gleichnamigen berühmten Gedichts, sondern einen packenden Thriller, der Motive aus Poes Gruselstorys mit Elementen aus Poes Biografie verknüpft. 
Mitte des 19. Jahrhunderts hält ein bestialischer Serienmörder Baltimore und ihre Polizei in Atem. Als der aufgeweckte Detective Emmett Fields (Luke Evans) am neuen Tatort Motive aus einer Story des Autors Edgar Allan Poe (John Cusack) erkennt, wird dieser zur Wache zitiert, um fortan bei den Ermittlungen zu helfen. Nachdem einer von Poes Kritikern unter dem berüchtigten „Pendel des Todes“ zerfetzt wurde, kündigt der Mörder mit einem von Poes Zitaten bereits die nächste Tat an und fordert Poe zu einem literarischen Wettstreit auf, bei dem es um nichts weniger geht als das Leben von Poes geliebter Emily (Alice Eve) … 
Bereits mit der Comic-Verfilmung von „V wie Vendetta“ hat James McTeigue als Schützling der Wachowsky-Brüder („The Matrix“-Trilogie, „Cloud Atlas“) einen eigenen Stil erkennen lassen, dessen düsterer Grundton auch „The Raven“ teilt. Bereits die ersten Szenen, in denen die Polizei von Baltimore durch die nächtlichen Straßen zum mutmaßlichen Tatort eilt und auf grässlich zugerichtete Frauenleichen stößt, lassen eine künstlerische Nähe zu Guy Ritchies „Sherlock Holmes“-Filmen und Allen Hughes‘ „From Hell“ deutlich erahnen, danach entwickelt sich eine perfide Schnitzeljagd, in der sich der entfesselt aufspielende John Cusack („Con Air“, „High Fidelity“) bravourös als Poe-Darsteller etabliert und den detektivischen Spürsinn zum Besten gibt, den der von ihm ersonnene Amateurdetektiv C. Auguste Dupin in seinen Geschichten stets beweist. 
Bei seiner Inszenierung geht McTeigue weder zimperlich vor, noch gönnt er seinem Publikum eine Atempause. Forsch reiht er ein grausames Poe-Motiv ans nächste und lässt Cusack dabei zu großer Form auflaufen, indem er die vielschichtigen Facetten seiner Figur bei hohem Erzähltempo zu vereinen versteht, seine Alkoholsucht ebenso wie seine unbändige Wut auf Herausgeber, Kritiker und Schriftstellerkollegen, seine Angst vor dem erneuten Verlust einer Geliebten ebenso wie seine selbstbewusste Künstlerrolle. 
Zwar leiden unter der temporeichen Erzählung vor allem die Nebenfiguren, doch allein Cusacks großartige Performance und die düstere Ausstattung machen „The Raven“ zu einem äußerst sehenswerten Gothic-Thriller. 

Kommentare

Beliebte Posts