Uhrwerk Orange

Mit dem Erfolg seiner eindringlichen Space Opera „2001 – A Space Odyssey“ (1968) war es dem Autorenfilmer Stanley Kubrick endlich vergönnt, die größtmögliche Kontrolle bei seinen Filmprojekten ausüben zu können. Für sein Mammut-Projekt „Napoleon“ konnte er allerdings nicht die erforderlichen Geldmittel auftreiben, für die Verfilmung von Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ (die 1999 unter dem Titel „Eyes Wide Shut“ sein letzter Film werden sollte) hatte er noch kein stimmiges Konzept zur Verfilmung. Also nahm er sich des bereits 1962 erschienenen Romans „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess an, machte sich allein an die Drehbuch-Fassung und inszenierte 1971 mit „Uhrwerk Orange“ einen der einflussreichsten, kompromisslosesten und umstrittensten Filme der 1970er Jahre. 

Inhalt: 

Alex DeLarge (Malcolm McDowall) hält nichts von einem Leben in langweiliger Angepasstheit. In einer nicht allzu entfernten Zukunft schwänzt er die Schule und pusht sich als Anführer mit seinen drei „Droogs“ Pete (Michael Tarn), Georgie (James Marcus) und Dim (Warren Clarke) in der Korovo Milchbar auf – mit Halluzinogenen angereicherter Milch -, bevor sie um die Häuser ziehen und einen wehrlosen Obdachlose misshandeln, sich mit einer anderen Bande prügeln, die gerade eine Frau vergewaltigt, und sich Zugang zum Haus des Schriftstellers Frank Alexander (Patrick Magee) verschaffen, wo sie vor den Augen des Mannes seine Frau (Adrienne Corri) missbrauchen. Als Alex über ein höher gelegenes offenes Fenster in das Haus der „Cat Lady“ (Miriam Karlin) einsteigt und die aufgebrachte Frau mit einem überdimensionierten Kunststoff-Penis erschlägt, wird er beim Öffnen der Tür für seine Jungs von diesen überraschend zusammengeschlagen. Die zuvor von der Cat Lady informierte Polizei verfrachtet Alex in den Knast, wo er wegen Mordes 14 Jahre absitzen muss. Da er sich jedoch vorbildlich führt und sogar dem Gefängniskaplan (Godfrey Quigley) zur Hand geht, erhält Alex nach zwei Jahren die Gelegenheit, im Rahmen eines Experiments unter Leitung des Innenministers (Anthony Sharp) wieder so „normalisiert“ zu werden, dass er in die Gesellschaft eingegliedert werden kann. Dazu wird er in eine Anstalt verlegt, wo Dr. Brodsky (Carl Duering) die sogenannte „Ludovico“-Methode anwendet, wobei Alex die Augen mit einer Klammer offen gehalten und ihm stundenlang gewalttätige Filme mit der musikalischen Untermalung von Beethovens Neunter Sinfonie vorgeführt werden, bis ihm dabei schlecht wird. 
Doch die unter großer medialer Aufmerksamkeit erfolgte Rückführung in die Gesellschaft verläuft für Alex alles andere als gut. Als er nach Hause kommt, muss er feststellen, dass seine Eltern sein Zimmer schon untervermietet haben. Er wird nicht nur von dem Rentner verprügelt, den er damals mit seiner Clique gedemütigt hatte, sondern auch von zwei seiner ehemaligen Kameraden, die sich mittlerweile bei der Polizei verdingt haben. Völlig lädiert landet Alex schließlich bei dem Schriftsteller Alexander, der nach dem damaligen Überfall an den Rollstuhl gefesselt ist und Alex zunächst einmal Unterschlupf gewährt, ihm ein Bad und Essen zur Verfügung stellt. Alexander erinnert sich allerdings an Alex und versucht, ihn für seine politischen Zwecke einzusetzen, um den Regierungsminister zu stürzen. Wenn Alex nämlich stirbt, muss die Regierung anerkennen, dass ihr Programm gescheitert ist. Indem Alexander überall im Haus Beethovens Neunte erschallen lässt, treibt er Alex in den Wahnsinn, worauf sich dieser aus dem Fenster stürzt und mit etlichen Knochenbrüchen im Krankenhaus zu sich kommt. Nun wiederum will der Minister Alex für sich einspannen und verspricht ihm einen interessanten Job mit gutem Gehalt … 

Kritik: 

Als Anthony Burgess 1962 seinen Roman „A Clockwork Orange“ veröffentlichte, wollte er vor dem Hintergrund der Unruhen, für die seit Ende der 1950er Jahre die Teddy Boys, Mods und Rocker an Englands Stränden verantwortlich gewesen sind, aufzeigen, wie Jugendliche ihrem Drang nach Gewalt, Unzucht, Drogen und anderen Lastern nachgaben. Damit verarbeitete der Autor auch die Erfahrung, dass seine eigene Frau während des Zweiten Weltkriegs in London von amerikanischen Deserteuren vergewaltigt worden war. Kubrick nahm sich des Buches an, weil es eines seiner Lieblingsthemen aufgreift, nämlich zum einen die Skepsis gegenüber der Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit, zum anderen die Frage nach der Willensfreiheit darüber, Gutes oder Böses zu tun. 
Kubrick macht den durch und durch bösartigen Alex zum Ich-Erzähler und nimmt den Zuschauer auf eine explizit voyeuristische Reise, in der Terror, Gewalt und Sex den Ton angeben. Damit befindet sich „Uhrwerk Orange“ in der Reihe populärer Werke wie John Schlesingers „Midnight Cowboy“ (1969), Sam Peckinpahs „Wer Gewalt sät“ (1971) und Ken Russels „Die Teufel“ (1971), die mit einem X-Rating versehen wurden, um auf den pornografischen Charakter des Films hinzuweisen und ihm so das Siegel seine künstlerischen Qualität zu versagen. 
Tatsächlich wurde Gewalt noch nie zuvor so offen im Kino präsentiert wie in Kubricks „Uhrwerk Orange“, was dem Regisseur die Kritik einbrachte, Gewalt zu verherrlichen. Tatsächlich nimmt Alex gutgelaunt und fröhlich sein Publikum auf einen wie selbstverständlich wirkenden Horrortrip, der vor allem den Spaß in den Vordergrund rückt, den Alex und seine „Droogs“ (Kumpels) nach der Einnahme ihrer mit Drogen versetzten Milch auf ihrem Trip haben. 
Durch die geschickte Kameraführung wird der Zuschauer nicht nur zum Voyeur, sondern zum Mittäter, ergötzt sich an den unzähligen Phallus-Symbolen, erotischen Bildern und lässt selbst die Vergewaltigung der Frauen wie ein unterhaltsames Spektakel erscheinen, das Alex mit Gene Kellys Gute-Laune-Hit „Singin‘ in the Rain“ untermalt. 
Die außergewöhnliche Ästhetisierung der Gewalt zwingt den Zuschauer letztlich aber selbst, sein moralisches Urteil zu bilden. Wenn Alex – wieder mit Hilfe einer zuvor verabreichten Droge – vom Täter zum Beobachter mit gefesseltem Blick wird und nach der vermeintlich erfolgreichen Therapie keine Gewalt mehr ertragen kann, muss sich auch der Zuschauer fragen, wie er auf die gezeigte Gewalt reagiert. Für Kubrick war es eine der zentralen Fragen, ob der Mensch seine Menschlichkeit verliert, wenn er die Wahl zwischen Gut und Böse nicht mehr treffen kann. Kubrick stellt aber auch die Frage, wie die Regierungen gegen Gewalt vorgehen, ob sie mit ihrer ebenfalls gewalttätigen Therapie den Menschen letztlich nicht seiner Würde berauben. 
Mit „Uhrwerk Orange“ ist Kubrick ein komplexes, audiovisuell berauschendes Meisterwerk gelungen, das nicht nur in Kubricks Werksbiografie heraussticht, sondern stilbildend für das Kino der 1970er Jahre werden sollte. Es bedeutete aber auch die zunehmende Unabhängigkeit des Regisseurs, der mittlerweile Millionen von den Studios für seine Produktionen verlangen konnte. 

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