Hannibal - Staffel 2

Mit seiner „Hannibal“-Reihe, die 1981 mit „Roter Drache“ begann, machte der amerikanische Bestseller-Autor Thomas Harris das Serienkiller-Genre nicht nur literarisch populär, vor allem Jonathan Demmes kongeniale Leinwandadaption des zweiten „Hannibal“-Romans „Das Schweigen der Lämmer“ (1991) etablierte den soziopathischen Serienkiller auch in Hollywood. Bryan Fuller („Heroes“, „Pushing Daisies“) greift in seiner Serienschöpfung „Hannibal“ zwar auf die Figuren aus der Roman- und Film-Reihe zurück, stellt sie aber in einen neuen thematischen Kontext. Nachdem die ersten 13 Folgen der ersten Staffel vor allem die Zusammenarbeit des an Enzephalitis erkrankten Ermittlers Will Graham und des Psychiaters Hannibal Lecter an rituell anmutenden Serienmorden thematisierte, bis Graham zum Staffelfinale erkannte, dass Lecter der gesuchte Mörder ist, geht es in der zweiten Staffel um die Rehabilitierung von Will Graham, der an Lecters statt ins Gefängnis musste.
In der Eröffnungsfolge „Kaiseki – Farbtöne“ kommt es gleich zum erbarmungslos erbitterten Kampf zwischen Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) und FBI-Abteilungsleiter Jack Crawford (Laurence Fishburne), der allerdings erst in zwölf Wochen stattfindet. Wie es zu dieser scheinbar tödlichen Konfrontation zwischen den bislang befreundeten Männern gekommen ist, enthüllen die 13 Folgen der zweiten Staffel auf gewohnt packende Weise. Dabei geraten die Ermittlungen bei teils extrem grausamen Morden fast zur Nebensache und dienen eher als Schauplatz für die psychologischen Kämpfe, die Lecter und Graham miteinander ausfechten. Graham gelingt es, die Gitter des Baltimore State Hospital fort he Criminal Insane hinter sich zu lassen, aber nicht Alana Blooms (Caroline Dhavernas) Hypnose-Versuche sind es, die Graham an seine eigene Unschuld glauben lassen, sondern er selbst schafft es, die mentale Blockade aufzuheben und Gewissheit über Lecters Schuld zu bekommen. Fortan wendet er ähnliche manipulative Techniken bei Überlebenden von Lecters perfiden „Kunstwerken“ an wie Lecter bei seinen Opfern, doch scheint Lecter bei seinen grausam effizienten Arrangements stets so geschickt vorzugehen, dass ihm nichts nachgewiesen werden kann. Interessant gestalten sich in der zweiten Staffel nicht nur die Beziehung zwischen den drei männlichen Schlüsselfiguren Graham, Lecter und Crawford, sondern auch die Bindungen, die sich zwischen den Männern und den Frauen in ihrem Leben entwickeln. Während Crawfords Frau unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist und den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen möchte, gehen Lecter und Bloom eine amouröse Bindung ein, die die Psychologin offener für Lecters Manipulationen macht. Aus diesem Grund will auch Lecters Psychiaterin Dr. Bedelia Du Maurier (Gillian Anderson) die Beziehung zu ihrem Patienten beenden, während Graham Alana Bloom eindringlich vor Lecter zu warnen versucht und durch seine Beziehung zu Beverly Katz (Hettienne Park) neue Erkenntnisse über Lecter gewinnen will.
Die zweite Staffel lebt vor allem von den komplexen, für den Laien nicht immer ganz nachvollziehbaren Beziehungen zwischen den einzelnen starken Figuren der Serie. Die psychologischen Befindlichkeiten werden dabei in manchmal etwas ausschweifenden Dialogen seziert, beschrieben und analysiert, doch wie das Puzzle letztlich zusammengesetzt wird, entzieht sich einer alles durchdringenden Erkenntnis. Die Psyche des Menschen erscheint hier wie in der Wirklichkeit als geheimnisvolles Konstrukt, über das es keine alles erklärende und verständliche Wahrheit gibt. Dieses Mysterium dient den Serienschöpfern von „Hannibal“ als Spielwiese für die absonderlichsten Kriminalfälle und psychologischen Profile. Dabei gelingt es den Autoren und Regisseuren, eine faszinierende Atmosphäre zu kreieren, die bei den herausragenden Darstellerleistungen beginnend über die ästhetisch ansprechende visuelle Gestaltung bis zur musikalischen Untermalung reicht. Das Finale, auf das bereits in der ersten Szene der zweiten Staffel verwiesen wird, nimmt wieder so unerwartete Wendungen, dass die Neugierde auf die dritte Staffel entsprechend angezuckert worden ist. Bis dahin darf man sich diese Staffel häppchenweise oder am Stück auf DVD/Blu-ray zu Gemüte führen, die Anfang Dezember durch StudioCanal veröffentlicht worden ist.
"Hannibal" in der IMDb

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