Noah

Nachdem Ridley Scott mit „Gladiator“ höchst erfolgreich das Sandalenfilm-Genre reanimiert hat, ist es nun an einem weiteren visionären Filmemacher, das ebenfalls angestaubte Terrain des Bibelfilms mit frischem Blut zu versorgen, nachdem es Mel Gibson mit seiner umstrittenen „Passion Christi“ in dieser Hinsicht doch zu wörtlich genommen hat. Darren Aronofsky („Requiem for a Dream“, „Black Swan“) hat sich die alttestamentarische Geschichte von Noahs Bau der Arche und der darauffolgenden Sintflut vorgenommen, um ein weiteres beeindruckendes Zeugnis seiner Schaffenskraft abzulegen.
Seit Adam und Eva von der verbotenen Frucht gegessen haben und Kain seinen Bruder Abel aus Eifersucht erschlagen hat, ist die Menschheit mit der von Gott geschaffenen Erde nicht besonders pfleglich umgegangen und hat stattdessen Habgier und Bösartigkeit gesät. Der Herr ist über diese Entwicklung so erzürnt, dass er die Erde mit einer alles Leben auslöschenden Sintflut überziehen will, wie Noah (Russell Crowe) in einem Traum zu sehen glaubt. Um sich weiteren Rat zu holen, was dieser Traum bedeuten könnte, sucht Noah seinen Vater Methusalem (Anthony Hopkins) auf und erfährt nach Einnahme eines Halluzigens, dass Noah mit seiner Frau Naameh (Jennifer Connelly), seinen Söhnen Ham (Logan Lerman), Shem (Douglas Booth) und Japheth (Leo McHugh Carroll) sowie der adoptierten Ila (Emma Watson) eine Arche bauen soll, die je einem Männchen und Weibchen jeder Tierart ebenso Zuflucht vor der Sintflut bietet wie allen Pflanzen. Unerwartete Unterstützung erhält Noah dabei von steinernen Riesen, den sogenannten Wächtern. Doch das Unterfangen spricht sich herum. Der skrupellose König Tubal Cain (Ray Winstone) setzt alles daran, mit seinen Männern ebenfalls einen Platz auf der mächtigen Arche zu ergattern. Als die Sintflut schließlich über die Erde hereinbricht, hat Noah allerdings nicht nur gegen Cains Soldaten zu kämpfen, sondern auch innerhalb der Familie seine strikten Vorgaben zu verteidigen.
Natürlich wird sich Aronofsky vor bibeltreuen Christen davor rechtfertigen müssen, was er aus der alttestamentarischen Geschichte gemacht hat, die der Regisseur zusammen mit seinem Co-Autor Ari Handel („The Fountain“) in „Noah“ neu erzählt. So scheinen die steinernen Wächter eher in die Fantasy-Gefilde von „Der Herr der Ringe“ zu gehören als in eine rechtgläubige Bibelverfilmung, doch bei Aronofsky macht diese eigenwillige Auslegung der gefallenen Engel dramaturgisch durchaus Sinn. Davon abgesehen erzählt „Noah“ vor allem eine packende Geschichte über die Verfehlungen und Versuchungen des Menschen, Gottes Zorn und den Möglichkeiten eines Neuanfangs. Unter welchen Voraussetzungen dieser Neubeginn aber zu erfolgen hat, darüber ist sich selbst Noah im Unklaren. Vertritt er lange Zeit vehement die Instruktionen, die Gott ihm via Traum aufgetragen hat, kommen Noah zunehmend Zweifel an seiner Mission, je mehr sich seine Familie gegen ihn aus durchaus nachvollziehbaren Gründen abwendet.
 Aronofsky gelingt es, Noahs moralisches Dilemma ausdrucksstark in Szene zu setzen. Dabei kann er auf die starke Präsenz seines Hauptdarstellers Russell Crowe („Gladiator“, „A Beautiful Mind“) ebenso setzen wie auf die überzeugenden Darbietungen seiner Filmpartner. Vor allem Dauer-Bösewicht Ray Winstone („London Boulevard“, „Hugo Cabret“) bietet Crowe ordentlich Paroli, während Jennifer Connelly („Requiem for a Dream“, „Haus aus Sand und Nebel“) und Emma Watson („Harry Potter“-Reihe, „The Bling Ring“) die melodramatischen Elemente des Films zu betonen wissen.
Natürlich überzeugt „Noah“ auch auf audiovisueller Ebene. Aronofskys Haus-Komponist Clint Mansell hat sich mit seinem einfühlsam-dramatischen Score einmal mehr selbst übertroffen, und die Verbindung von atemberaubenden Naturaufnahmen und interessanten visuellen Einfällen machen das Bibelepos zu einem wahren Filmfest.
"Noah" in der IMDb

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