Der Eissturm

Der Taiwanese Ang Lee hat bereits mit seinen international gefeierten Filmen „Das Hochzeitbankett“ (1993) und „Eat Drink Man Woman“ (1994) auch in Hollywood aufhorchen lassen, mit dem stimmungsvoll inszenierten Historiendrama „Sinn und Sinnlichkeit“ (1996) zeigte sich der Filmemacher auch größeren Aufgaben gewachsen. 1997 adaptierte er mit „Der Eissturm“ einen Roman von Rick Moody und zeichnet das deprimierende Portrait amerikanischer Mittelschichtsfamilien in den 1970er Jahren.

Inhalt:

Die Ehe der Hoods hat schon bessere Zeiten gesehen. Weil Ben (Kevin Kline) von seiner Frau Elena (Joan Allen) sexuell nur noch ignoriert wird, hat er ein Verhältnis mit seiner Nachbarin, der ebenfalls verheirateten Janey (Sigourney Weaver), begonnen, die frustriert darüber ist, dass ihr Mann Jim (Jamey Sheridan) zu selten zu Hause ist. Bens frühreife 14-jährige Tochter Wendy (Christina Ricci) verbringt nicht von ungefähr ebenfalls viel Zeit in Janeys Haus, sammelt sie zunächst mit Janeys Sohn Mickey (Elijah Wood) und später auch mit dessen jüngerem Bruder Sandy (Adam Hann-Byrd) erste sexuelle Erfahrungen. Davon bekommt Wendys im Internat wohnende ältere Bruder Paul (Tobey Maguire) nichts mit, ist er doch schwer in die hübsche Libbets (Katie Holmes) verknallt. Sie hat ihn zu sich in die New Yorker Luxuswohnung ihrer verreisten Eltern eingeladen.
Zu Thanksgiving eskaliert die Situation zwischen Ben und Elena. Als sie überraschend zu einer so genannten Schlüsselparty eingeladen werden, bei der die Männer ihre Autoschlüssel in eine Schale legen und die Frau mit nach Hause nehmen dürfen, die ihre Schlüssel ergreifen. Elena will sich ausgerechnet mit Jim beim legitimierten Seitensprung revanchieren, doch endet das Tête-à-Tête in einem emotionalen Desaster. Das ist jedoch bei weitem nicht die größte Katastrophe an diesem Abend…

Kritik:

Zwar haben sich die Versprechen der 1968er Generation in den 1970er Jahren nicht erfüllt, doch sexuelle Freizügigkeit war in Prä-AIDS-Zeiten noch immer ein Thema. Moodys Roman, „Der Eissturm“, der von Drehbuchautor James Schamus („Hulk“, „Das Hochzeitsbankett“, „Eat Drink Man Woman“) adaptiert worden ist, zeigt vor allem die Einsamkeit und Langeweile in langjährigen Beziehungen auf. Lee hält sich nicht lange mit einer Vorstellung der beiden Familien auf, sondern zielt gleich darauf ab, dass die Langeweile gepaart mit sexueller Frustration in bequeme Affären kanalisiert wird, ohne jedoch den beabsichtigten Kick zu erzielen. Auf der anderen Seite wissen die Erwachsenen nicht recht, wie sie mit der erwachenden Sexualität ihrer Kinder umgehen sollen. 
Ang Lee (Tiger & DragonBrokeback Mountain) nimmt in Der Eissturm die amerikanische Durchschnittsfamilie in der Zeit von Nixons Watergate-Affäre unter die Lupe und entlarvt das Experimentieren mit den Formen der freien Liebe als unbeholfenes Ausbrechen aus bürgerlichen Normen, was den Protagonisten allerdings nicht die erhoffte Befreiung bringt. Stattdessen begeben sie sich in die Abhängigkeit neurotischer Verhaltensweisen und zerstören ihr Familienglück. 
Ang Lee portraitiert in seiner Verfilmung des gleichnamigen Romans von Rick Moody eine gut situierte, aber angesichts neuer Freiheiten auch unsichere Gesellschaft, deren Figuren er mit viel Sympathie zeichnet. Humor und Dramatik gehen in Der Eissturm Hand in Hand und sorgen für ein vielschichtiges, nuanciert erzähltes Glanzstück, in dem die erstklassige Darstellerriege ebenso brilliert wie die stimmungsvolle Fotografie von Frederick Elmes (Wild at HeartBroken Flowers) und der einfühlsame Score von Mychael Danna (Die Frau des ZeitreisendenMoneyball). 

Kommentare

Beliebte Posts