In Sachen Henry
Schon mit seinen ersten beiden - hochkarätig besetzten,
großartig gespielten und grandios inszenierten - Werken „Wer hat Angst vor
Virginia Woolf?“ (1966) und „Die Reifeprüfung“ (1967) hat Regisseur Mike
Nichols gekonnt hinter die glänzenden Fassaden der gehobeneren Gesellschaft
geblickt und ihr den Spiegel vorgehalten. Etwas weniger subtil inszenierte der
Erfolgsregisseur 1991 das Drama „In Sachen Henry“ mit Harrison Ford
und Annette Bening in den Hauptrollen.
Inhalt:
Henry Turner (Harrison Ford) ist das beste Pferd im
Stall der Anwaltskanzlei von Charlie Cameron (Donald Moffat), scheut er
doch nicht davor zurück, auch mit fragwürdigen Mitteln seine Fälle vor Gericht
zu gewinnen. Durch sein hartes Arbeitspensum bekommt er seine Frau Sarah (Annette
Benning) und seine Tochter Rachel (Mikki Turner) kaum zu sehen, doch
leben sie dank Henrys Erfolg ein luxuriöses und scheinbar sorgenfreies Leben,
für das sich Henry kaum interessiert. Als er eines Abends das Haus verlässt, um
Zigaretten zu kaufen, wird er im Laden Zeuge eines bewaffneten Raubüberfalls,
worauf der Täter Henry kurzerhand erst in die Brust und dann in den Kopf
schießt.
Wie durch ein Wunder überlebt er den Kopfschuss, doch die verletzte
Arterie am Schlüsselbein verursachte eine Unterversorgung des Gehirns mit
Sauerstoff, weshalb Henry sowohl seine motorischen als auch geistigen
Fähigkeiten eingebüßt hat. Mühsam lernt der Staranwalt in der Reha durch seinen
Pfleger Bradley (Bill Nunn) wieder laufen und sprechen. Vor allem seiner
Frau macht es allerdings schwer zu schaffen, dass sich Henry sich nicht an sie
und ihre gemeinsame Tochter erinnern kann. Erst als er sich erinnert, wie er
seiner Tochter das Zubinden ihrer Schuhe auf einem hellen Teppich beibrachte,
zeigt er sich bereit, wieder nach Hause und allmählich auch in seine Kanzlei
zurückzukehren. Sowohl hier als auch dort muss Henry feststellen, dass er
früher ein ganz anderer Mensch war…
Kritik:
Ein tragischer Zwischenfall verändert nicht nur das Leben
eines Mannes, sondern auch das seiner Familie und Arbeitskollegen. Mike
Nichols lässt die Vergangenheit eines ebenso erfolgsverwöhnten wie skrupellosen
Mannes, der typischerweise als Staranwalt tätig ist, mit einem Schlag bzw.
Schuss in Vergessenheit geraten. Zumindest für den Mann selbst, denn seine
Familie, seine Kollegen und vermeintlichen Freunde erinnern sich nur zu genau,
mit welchen Mitteln er vor Gericht gewonnen, wie er die Familie vernachlässigt
und seine Vergnügungen anderweitig gesucht hat. „In Sachen Henry“ spielt
genau diese Gegensätzlichkeit von Vorher und Nachher aus, wobei die Story –
nach einem Drehbuch des späteren Erfolgsregisseurs und Showrunners J.J.
Abrams („Lost“, „Forever Young“) einen märchenhaften, leider allzu
vorhersehbaren Verlauf nimmt.
Harrison Ford, der zuvor mit Nichols bereits die
erfolgreiche Komödie „Die Waffen der Frauen“ (1988) gedreht hat, überzeugt
als Mann mit zwei unterschiedlichen Gesichtern. Wie er an Krücken und am
Gehwägelchen wieder zu laufen lernt, wie seine Tochter ihm das Lesen beibringt
und wie er in der Kanzlei seine alten Fälle rekonstruiert, ist ebenso gut
gespielt wie die anfängliche Distanz und die zunehmende Nähe zu seiner Frau. Wenig
überraschend ist aber auch das Getuschel vermeintlicher Freunde bei Partys und
in der Kanzlei. Henry ist eben nicht mehr der Alte und in der schillernden Welt
der Reichen und Schönen nicht mehr gern gesehen. Das wird recht uninspiriert
inszeniert, aber immerhin von einem einfühlsamen Score Hans Zimmers
untermalt.


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