Schrei in die Vergangenheit

Terence Rattigans‘ Theaterstück „The Browning Version“ von 1948 wurde bereits 1951 unter dem Titel „Konflikt des Herzens“ von Anthony Asquith verfilmt, doch populär wurde vor allem die Adaption durch den Briten Mike Figgis („Leaving Las Vegas“, „Timecode“) mit einem hochkarätigen, von Albert Finney angeführten Cast, zu dem in „Schrei in die Vergangenheit“ auch Matthew Modine, Michael Gambon, Greta Scacchi und Julian Sands zählen.

Inhalt:

Andrew Crocker-Harris (Albert Finney) hat 20 Jahre lang die griechischen und lateinischen Klassiker an einer Public School im Süden Englands gelehrt – zwar brillant und auf hohem Niveau, aber auch mit unnachgiebiger Härte, die ihm gerade unter seinen Schülern den Beinamen „Hitler of the Lower Fifth“ einbrachte. Seine Lehreinrichtung unter Leitung des gewandten Rektors Dr. Frobisher (Michael Gambon) ist traditionsbewusst, aber auch im Umbruch begriffen, weshalb mit Tom Gilbert (Julian Sands) ein junger Mann den Lehrstuhl von Crocker-Harris übernehmen soll, um einen Schwerpunkt auf neue Sprachen wie Spanisch, Deutsch und Französisch zu setzen. Crocker-Harris, der mit der viel jüngeren Laura (Greta Scacchi) verheiratet ist, geht aufgrund vermeintlicher gesundheitlicher Probleme in den Vorruhestand – ohne eine Pension, wie sie in Ausnahmen bereits an ausgeschiedene Lehrkräfte ausgezahlt worden ist. Für Laura ist dies noch mehr ein Grund, ihre Affäre mit dem jovialen Chemielehrer Frank Hunter (Matthew Modine), einem Amerikaner, zu intensivieren, der daran jedoch kein Interesse hat. Crocker-Harris hat sich zwar damit abgefunden, dass sich seine von ihm längst entfremdete Frau mit anderen Männern vergnügt, dass seine Schüler ihn aber ausnahmslos hassen, überrascht ihn dann doch. Allein der aufmerksame Taplow (Ben Silverstone) empfindet Mitleid mit dem strengen Mann und schenkt ihm zum Abschied Robert Brownings Übersetzung des „Agamemnon“ des Aischylos, an dem sich auch Crocker-Harris versuchte, ohne seine Übersetzung allerdings publiziert zu haben. Mit dem Jungen kommt er auf Übersetzungstreue, aber auch auf Fantasie und auf das menschliche Einfühlungsvermögen zu sprechen, was ihm selbstkritisch auf sein Wirken an der Schule zurückblicken lässt…

Kritik:

Nach seinen ersten beiden gelungenen Filmen „Stormy Monday“ (1988) und „Internal Affairs – Trau‘ ihm, er ist ein Cop“ (1990) drohte Mike Figgis schon in der Versenkung zu verschwinden, wurden seine nächsten Filme „Todestraum – Der letzte Zeuge schweigt“ (1991) und „Mr. Jones“ (1993) kaum noch wahrgenommen. Die Wende sollte ausgerechnet ein Film bringen, der sich so gar nicht in das vertraute Sujet des Briten einfügen will – eine neue Verfilmung des britischen Bühnenklassikers „The Browning Version“. Während das Stück nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde und den damaligen Zeitgeist einzufangen versuchte, hat Mike Figgis versucht, die Geschichte etwas moderner einzubetten, bleibt dem Stoff aber weitgehend treu. Ähnlich wie in Peter Weirs „Der Club der toten Dichter“ (1989) treffen an der Public School Tradition und Modern aufeinander, hier weniger anhand von Lehrmethoden, sondern dem Wechsel im Lehrplan von alten zu neuen Sprachen. Albert Finney („Big Fish“, „Unter dem Vulkan“) verkörpert brillant einen Mann, der ganz für die alten Sprachen lebt und mit Inbrunst klassische Dramen vorträgt, damit aber auch seine Schüler unnachgiebig malträtiert. Seine Frau Laura hat sich aufgrund seiner schroffen Art längst von ihm abgewandt. „Schrei in die Vergangenheit“ konzentriert sich ganz auf die Person von Crocker-Harris und seine Empfindungen anlässlich seines erzwungenen Abschieds. Das Drumherum verkommt in Figgis‘ Inszenierung zwar zu Randnotizen, dafür ist die emotionale Beziehung zwischen dem verhärmten Pädagogen und dem einfühlsamen Schüler Taplow umso eindringlicher geworden. Während die holprige Inszenierung ihre Schwächen hat, läuft Albert Finney jedenfalls zu Hochform auf. Und die Kulissen für die Wandlung des Mannes sind ebenfalls superb. Schade nur, dass so talentierte Darsteller wie Matthew Modine, Michael Gambon, Greta Scacchi und Julian Sands kaum Gelegenheit bekommen, ihre Stärken auszuspielen.

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