Amrum

In seinem autobiografischen Roman „Amrum“ erzählt der gebürtige Hamburger Filmregisseur, Schauspieler, Drehbuchautor und Produzent Hark Bohm (1939-2025) von seinen Kindheitserinnerungen während des Zweiten Weltkrieges, dessen Ende er auf der etwa 20 Quadratkilometer großen Nordseeinsel Amrum verbrachte. Ursprünglich wollte Bohm seine Geschichte selbst verfilmen, doch da der schwerkranke Mann schon zu Anfang der Dreharbeiten zu schwach war, übernahm sein langjähriger Freund Fatih Akin („The Cut“, „Tschick“) die Regie, der „Amrum“ schließlich im Vorspann als „Ein Hark Bohm Film von Fatih Akin“ ankündigt und seinem Mentor so den größtmöglichen Respekt zollte.

Inhalt:

1945, in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs, in einem kleinen Dorf auf der Insel Amrum.
Nach der Schule hilft der zwölfjährige Nanning Hagener (Jasper Billerbeck) der benachbarten Bäuerin Tessa Bendixen (Diane Kruger) auf dem Kartoffelacker oder sucht Treibholz als Brennmaterial, um seiner schwangeren Mutter Hille (Laura Tonke) zu helfen, die Familie zu ernähren.
Nanning und seine Mutter mussten gemeinsam mit seiner Tante Ena (Lisa Hagmeister) und seinen beiden kleineren Geschwistern aus dem zerbombten Hamburg auf die Insel fliehen. Nannings Vater ist Obersturmbannführer der SS und befindet sich im Krieg. Nannings Familie stammt mütterlicherseits zwar seit neun Generationen aus Amrum, er selbst kann die ortsübliche nordfriesische Sprache jedoch nur verstehen, nicht sprechen – damit fühlt sich Nanning selbst wie ein Fremder auf der Insel. Die Inselbewohner stehen dem Nazi-Regime und dem Krieg reservierter als Nannings Familie gegenüber. Viele haben durch Auswanderung Verbindungen in die Vereinigten Staaten. Nanning schnappt einen Kommentar der Bäuerin Tessa auf, dass der Krieg bald vorbei sei, und stellt am Küchentisch arglos die Frage, wann der Vater zurückkehre. Nannings Mutter denunziert daraufhin Tessa aufgrund von Wehrkraftzersetzung. Nur durch das nahende Kriegsende entgeht Tessa einer möglichen Todesstrafe. Aber auch innerhalb der Familie werden Risse sichtbar, weil Tante Ena zunehmend offene Kritik an den Nazis übt.
Nannings Mutter erfährt im Radio vom Tod Adolf Hitlers und ist tief schockiert, unmittelbar danach setzen bei ihr die Wehen ein. Die Geburt des Kindes gelingt, jedoch verfällt die Mutter danach in eine Depression und isst nichts mehr. Nachts äußert sie Nanning gegenüber den Wunsch nach einem Weißbrot mit Butter und Honig. Den möchte ihr Nanning erfüllen. Das ist jedoch keine leichte Aufgabe, denn auf der Insel mangelt es wegen des Krieges an allem.
Mittels Tauschwirtschaft versucht er, dennoch an die begehrten Zutaten Weißmehl, Butter und Honig zu kommen. Bei seinen Tauschversuchen lernt Nanning die Menschen der Insel besser kennen, macht aber auch Erfahrungen mit dem Tod…

Kritik:

„Amrum“ stellt eine höchst ungewöhnliche Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg dar. Fernab vom eigentlichen Geschehen erleben wir als Zuschauer das Ende des Krieges aus der Perspektive eines zwölfjährigen Jungen, der sich arglos nur nach der Rückkehr seines Vaters sehnt und nichts davon weiß, wie tief der Graben zwischen den überzeugten Nazis und den gewöhnlichen Bürgern auf Amrum ist, die nur genug zu essen auf dem Tisch haben wollen. So wird die Handlung auch von der emsigen Suche eines Jungen vorangetrieben, der um die Zuneigung seiner nach der Schwangerschaft zunehmend apathischen Mutter buhlt und ihr deshalb jeden noch so außergewöhnlichen Wunsch erfüllen will. Dieser besteht in einem Weißbrot mit Butter und Honig, worauf sich der Junge auf die Suche macht, die gewünschten Zutaten entweder zu erarbeiten oder zu tauschen. Während dieser Odyssee macht Nanning die Bekanntschaft ganz unterschiedlicher Menschen, dem Fischer Sam Gangsters (Detlev Buck) hilft er als Lockvogel auf der Robbenjagd, bei Ebbe muss er das Watt nach Föhr durchqueren, um beim Nazi-Onkel Onno (Jan Georg Schütte) fehlerfrei die Losung der Hitler-Jugend aufzusagen, damit er ein paar Löffel Zucker bekommt, die er dann bei der Insel-Imkerin für ein wenig Honig eintauschen kann. Akin hat die sehr persönliche Geschichte seines Freundes, der einen Monat nach der Premiere auf dem Festival von Cannes verstarb, mit einem imponierenden Staraufgebot und wundervollen Landschaftsaufnahmen verfilmt. So stellt „Amrum“ eine ebenso persönliche Coming-of-Age-Geschichte wie Hommage an einen beeindruckenden Künstler und Menschen dar, der Hark Bohm war.

 

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