Taking Chance

Seit seiner Gründung im Jahr 1972 hat der zu Warner Bros. gehörende Kabelsender HBO hat mit seinen hervorragenden Dokumentarfilmen („Pray, Obey, Kill“, „The Anarchists“), Serien („Boardwalk Empire“, „Rome“, „Game of Thrones“, „Six Feet Under“, „The Wire“, „Die Sopranos“) und Filmen („Ein Leben für den Tod“, „The Wizard of Lies“) eine Vielzahl von Emmys und Golden Globes gewonnen. Gleich zehn Nominierungen für einen Primetime Emmy erhielt Ross Katz‘ Drama „Taking Chance“ (2009), darunter für die beste Regie, die beste Kamera, die beste Musik und Hauptdarsteller Kevin Bacon („Flatliners“, „Mystic River“).

Inhalt:

Lt. Col. Mike Strobl (Kevin Bacon) ist einst dem Marine Corps beigetreten, um im aktiven Kampfeinsatz für sein Land zu kämpfen. Während nun viele seiner Kameraden im Irak kämpfen und die Zahl der Gefallenen im April 2004 stetig steigt, hadert er mit sich, dass er nun stattdessen im Stab mit Zahlen jongliert und jeden Tag zu seiner Familie zurückkehren kann. Als Marine Private First Class Chance Phelps im Alter von 19 Jahren im Kampfeinsatz nahe Bagdad stirbt und nun sein Leichnam nach Dubois, Wyoming, überführt werden soll, meldet er sich freiwillig, um die Überführung der sterblichen Überreste von Phelps, der aus Strobls Heimatstadt stammt, zu eskortieren – ein Auftrag, der dem militärischen Protokoll zufolge normalerweise einem Unteroffizier zugewiesen würde. Unterwegs überprüft Strobl bei jedem Wechsel des Transportweges die Identität des Sarges und stellt fest, mit wie viel Anteilnahme die Bevölkerung am Schicksal des getöteten Soldaten nimmt.
Strobl nimmt sowohl an Phelps’ Beisetzung als auch an der anschließenden Gedenkfeier teil und erfährt dabei, dass Phelps ein außergewöhnlicher Marine war, der bei seinen Kameraden große Beliebtheit genoss. Nach einigen Drinks im örtlichen Veteranenclub vertraut er dem dortigen ranghöchsten Veteranen an, dass er jenen aktiven Kampfeinsatz beneide, den Phelps an der Front erlebt habe. Der Veteran rät ihm daraufhin, seine Worte zu überdenken; die Pflicht, die er für die trauernden Familien erfülle, sei eine hohe Ehre – eine Ehre, deren Bedeutung er womöglich unterschätzt habe…

Kritik:

Ross Katz‘ Regiedebüt basiert auf einem Essay, den Lt. Col. Mike Strobl über seine Erfahrungen und Gefühle bei der Überführung von Marine Private First Class Chance Phelps von der Dover Air Force Base nach Dubois, Wyoming, am 23. April 2004 auf dem Blog „Blackfive“ veröffentlicht hatte und der daraufhin im Internet weite Verbreitung fand. Strobl schrieb am Drehbuch zu „Taking Chance“ mit, und das Militär unterstützte die Filmcrew maßgeblich durch die Weitergabe des Regelwerks, das für die Behandlung der Gefallenen gilt. Ein Großteil des Plots besteht denn auch aus der Darstellung dieser respektvollen Behandlung, von der Einweisung der Soldaten, die sich für die Eskorte gemeldet haben, über die Waschung der Leichen, das Schneidern der Anzüge für die Aufbahrung bis zu den militärischen Grüßen während des Transportes. Zunehmend schwenkt „Taking Chance“ auf die emotionale Ebene um, lenkt den Fokus auf die Menschen, denen Strobl unterwegs begegnet und ihre Achtung vor den im Krieg gefallenen Soldaten Ausdruck verleihen – von der Angestellten am Check-in-Schalter, die Strobl ein Upgrade während des Fluges bucht, über die Flugbegleiterin, die ihm ein kleines Kreuz übergibt, bis zu den Menschen auf dem Highway, die sich dem Bestattungswagen und Strobls Fahrzeug mit eingeschalteten Scheinwerfern im Konvoi anschließen. Vor allem die Begegnung mit der Familie und das Treffen mit Phelps‘ Ausbilder und den Veteranen gerät recht rührselig. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Irakkrieg kommt es hier nicht. Ganz bewusst steht hier Strobls eigenes Empfinden und seine Wahrnehmung der patriotischen Gesinnung der Bevölkerung im Vordergrund. Es verwundert nicht, dass „Taking Chance“ zu HBOs meistgesehenen Originalfilm in fünf Jahren avancierte. Der Film gibt zumindest einen tiefen, so nicht präsentierten Einblick in die respektvolle Ehrung gefallener Soldaten und überzeugt durch Kevin Bacons ausdrucksstarke Darstellung und die fokussierte Inszenierung.

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