One Battle After Another

Mit seinen ersten Filmen „Last Exit Reno“ (1996), „Boogie Nights“ (1997) und „Magnolia“ (1999) avancierte Paul Thomas Anderson innerhalb kürzester Zeit zu einem der interessantesten Filmemacher seiner Zeit. Mittlerweile wird ein neuer Film des begnadeten Autorenfilmers jedes Mal mit Hochspannung erwartet und bei der Oscar-Verleihung hoch gehandelt. So auch „One Battle After Another“, der bei 13 Nominierungen sechs der Trophäen mit nach Hause nehmen durfte, u.a. für den Besten Film, die Beste Regie und Sean Penn als Bester Nebendarsteller. Mit seiner zweiten Adaption eines Romans von Thomas Pynchon nach „Inherent Vice“ feuert Anderson ein wahres Feuerwerk an Action, Humor und Wahnsinn ab.

Inhalt:

Vor 16 Jahren hat die Widerstandsgruppe namens „French 75“ auf einen Schlag 200 Häftlinge aus den Fängen des United States Immigration and Customs Enforcement (ICE) befreit, die von dem skrupellosen Militäroffizier Steven J. Lockjaw (Sean Penn) geleitet wurde. Während des Überfalls zwang die dunkelhäutige Perfidia (Teyana Taylor) Lockjaw mit einer vorgehaltenen Waffe zu einer Erektion, um ihn zu demütigen. Der entwickelte jedoch daraufhin eine Obsession für Perfidia, verfolgte sie und beobachtete masturbierend ihre Aktionen. Während eines Anschlags lauerte er ihr auf und nötigte sie, später mit ihm in einem Motel Sex zu haben.
Als Perfidia schwanger wurde, ging ihr weißer Lebensgefährte Bob „Ghetto Pat“ Ferguson (Leonardo DiCaprio) davon aus, der Vater zu sein, doch Perfidia wollte von einem familiären Leben nichts wissen, fühlte sich hierdurch in patriarchalen Konstrukten eingeengt und verließ ihre neue Familie, um sich wieder der „French 75“ anzuschließen. Als Perfidia nach einem fehlgeschlagenen Banküberfall verhaftet wurde, kam sie mithilfe von Lockjaw als Kronzeugin frei und ging ins Zeugenschutzprogramm, verpflichtete sich aber im Gegenzug, mehrere Mitglieder der „French 75“ zu verraten. Mithilfe ihrer Informationen gelang es Lockjaw, mehrere Gruppenmitglieder und mögliche Mitwisser festzunehmen oder zu töten. Pat und seine vermeintliche Tochter tauchten unter, während Perfidia aus dem Zeugenschutzprogramm vor Lockjaws Avancen nach Mexiko flüchtete und spurlos verschwand. Als übermännlicher White Supremacist befürchtete Lockjaw unterdessen, dass Perfidias Tochter eigentlich von ihm sein könnte, was seinem rassistischen Weltbild zuwiderlief.
Nach seiner Beförderung zum Colonel bewarb sich Lockjaw um eine Aufnahme in den rechtsextremen Geheimzirkel „Christmas Adventurers Club“ von Roy More (Kevin Tighe). Im Aufnahmeprozess nach früheren Beziehungen zu Schwarzen befragt, log er, solche nie gehabt zu haben…
Sechzehn Jahre nach ihrem Untertauchen leben der nun etwas heruntergekommene, drogenabhängige Pat und seine Tochter (Chase Infiniti) unter den Decknamen Bob und Willa Ferguson in der (fiktiven) kalifornischen Kleinstadt Baktan Cross, einer sogenannten Zufluchtsstadt. Willa ist eine beliebte und selbstbewusste Jugendliche geworden; die ständigen Vorsichtsmaßnahmen ihres Vaters, der ihren Umgang überwacht und ihr ein Handy verbietet, kann sie kaum verstehen. Doch Lockjaw ist ihnen tatsächlich noch immer auf der Spur. Mit seiner paramilitärischen Polizeitruppe inszeniert er in der Kleinstadt großangelegte „Drogenrazzien“, bei denen in Wirklichkeit Bob und Willa gesucht werden sollen. Er erteilt dabei die Anweisung, Bob zu töten. Doch auch das Untergrundnetzwerk der linken Aktivisten und die Solidarität der örtlichen Migrationshelfer sind noch intakt. Das aggressive Auftreten der Sicherheitsbehörden führt zu Protesten auf der Straße.
Bob und Willa können getrennt voneinander fliehen. Willa gelangt von ihrem High-School-Ball in ein Frauenkloster in der Wüste, welches das linksextreme Untergrundnetzwerk unterstützt. Dort erfährt sie, dass ihre Mutter eine Verräterin („Ratte“) war. Bob bittet um Unterstützung bei „Sensei Sergio“ (Benicio Del Toro), Willas Karatelehrer, der in den Räumen seiner Familie illegale Migranten verborgen hält. Mit Sergios Hilfe versucht er, seine Tochter wiederzufinden. Das gestaltet sich schwieriger als gedacht, weil Bob die meisten alten, recht bizarren Passwörter der Untergrundgruppe vergessen hat und durch langjährigen Marihuanakonsum sowohl körperlich als auch geistig nicht mehr in bester Verfassung ist. So erfährt er lange nicht den geheimen Treffpunkt mit seiner Tochter.
Während dieser Ereignisse erfährt der „Christmas Adventurers Club“ durch eine archivierte Zeugenaussage des von Lockjaw getöteten „French-75“-Mitglieds „Junglepussy“ von seiner Beziehung und seinem möglichen Kind mit Perfidia. Lockjaws Aufnahme in den Verein ist nun komplett infrage gestellt; die Club-Mitglieder setzen vielmehr sofort den Auftragsmörder Tim Smith auf Lockjaw und Willa an, um sich zu „reinigen“…

Kritik:

Während sich Paul Thomas Anderson bei seiner Adaption von Thomas Pynchons „Inherent Vice“ noch dicht an der Romanvorlage hielt, stellt er in der geschätzt 130 Millionen teuren Adaption des Pynchon-Romans „Vineland“ vor allem die Vater-Tochter-Beziehung und die aufgeladenen politischen Verhältnisse in den USA in den Mittelpunkt seines turbulenten Filmspektakels. „One Battle After Another“ beginnt mit einer gewalttätigen Befreiung Immigranten aus Lagern an der amerikanisch-mexikanischen Grenze durch die revolutionäre Gruppe „French 75“ und erfährt durch die massive Verwendung pornografischer Begriffe und der irrwitzigen Erektion, die Sean Penns Figur bei ihrer Festsetzung durch die Terroristin bekommt, bereits einen surreal anmutenden Charakter. Doch damit nicht genug. Die elitären Vorstellungen der rassistischen „Christian Adventurer Club“-Miliz auf der einen und der im Untergrund versteckte, ständig bekiffte Bob bilden den ausgefallenen Kontrast in einer temporeich inszenierten Geschichte, die vor allem auch durch die eigensinnigen Figuren überzeugt. Leonardo DiCaprio, der sich von Jeff Bridges Darstellung in dem Coen-Meisterwerk „The Big Lebowski“ inspirieren ließ, spielt den ehemaligen linksextremistischen Bombenbauer herrlich verpeilt, wächst aber trotz der erlittenen mentalen Defizite über sich hinaus, um seine Tochter aus den Fängen des Irren Lockjaw zu befreien. Der wiederum wird von Sean Penn mit weißem Kurzhaarschnitt und aufgepumptem Bizeps wie eine der Figuren aus „Small Soldiers“ verkörpert, zu allem bereit, seine reine Natur zu bewahren und den dunklen Fleck aus seiner Vergangenheit zu tilgen, um seine Übermännlichkeit in den Dienst der „Christian Adventurer Club“-Miliz zu stellen. Die eigentliche Sensation ist allerdings Newcomerin Chase Infiniti, die sich als taffe Karate-Kämpferin nie die Butter vom Brot nehmen lässt und erkennen muss, dass die Paranoia ihres Vaters durchaus berechtigt war. Die finale Verfolgungsjagd auf dem Wüsten-Highway mit den ständigen Steigungen und Senkungen zählt wohl zu den interessantesten Verfolgungsjagden der Kinogeschichte. Aber das trifft auf den ganzen Film zu.

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