Paterno

Joe Paterno war eine Legende im College Football. Während seiner Zeit als Trainer der Footballmannschaft der Pennsylvania State University fuhr er zwischen 1966 bis 2011 sensationelle 409 Siege ein, mehr als jeder Trainer vor ihm. Allerdings bröckelte der Ruf des 1986 von der US-amerikanischen Zeitschrift Sports Illustrated als „Sportsman of the Year“ ausgezeichneten Coaches durch die Anklage gegen seinen ehemaligen Defensive Coordinator Jerry Sandusky wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Barry Levinson („Rain Man“, „Liberty Heights“) konzentrierte sich in dem 2018 für HBO entstandenen Fernsehfilm „Paterno“ auf die Zeit, in der die im Raum schwebende Anklage durch die Grand Jury das Vermächtnis der Legende, die 2007 in die College Football Hall of Fame aufgenommen wurde, nachhaltig zerstörte.

Inhalt:

Als verehrte Vaterfigur der Penn State fiebert der 84-jährige Joe Paterno (Al Pacino) am letzten Samstag im Oktober 2011 in der hochgelegenen Pressebox dem Rekord von 409 Siegen seiner „Nittany Lions“ entgegen, die er 45 Jahre lang als Cheftrainer betreut hat. Doch Paterno kann diesen Erfolg nicht ausgiebig feiern, denn sechs Tage später reicht eine Grand Jury Anklage gegen seinen ehemaligen Defensive Coordinator Jerry Sandusky wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern in vierzig Fällen ein. Wie Paternos desillusionierte Kinder feststellen werden, wusste ihr Vater einiges über den Missbrauch – und verschloss schlichtweg die Augen davor; er ging sogar so weit, eine Rede auf einer Benefizveranstaltung für Sanduskys Wohltätigkeitsorganisation „The Second Mile“ zu halten – eine Einrichtung, die sich um benachteiligte Jugendliche kümmerte, Sandusky aber zugleich als Ort diente, um sich Kinder für seine Übergriffe auszusuchen. Diesem Skandal geht vor allem die junge „Patriot-News“-Reporterin und Penn-State-Absolventin Sara Ganim (Riley Keough) nach, doch zunächst scheint sich niemand sonst für die Story zu interessieren. Erst als die Einzelheiten der Anklage und ein Name eines der Opfer wieder im Internet veröffentlicht wird, stürzen sich die Medien sowohl auf die Reporterin als auch auf Paterno, während hinter den Kulissen in der Führungsriege der Universität überlegt wird, wie man mit diesem Skandal umgehen soll…

Kritik:

Amir Bar-Lev hat sich bereits 2014 in seiner erschütternden Dokumentation „Happy Valley“ mit dem Skandal rund um den systematischen sexuellen Missbrauch von teilweise gerade mal achtjährigen Jungen an der Penn State University beschäftigt. Barry Levinson und sein Drehbuch-Duo Debora Cahn („West Wing: Im Zentrum der Macht“, „Diplomatische Beziehungen“) und John C. Richards („Sahara – Abenteuer in der Wüste“, „Nurse Betty“) verlegen den Schwerpunkt allerdings vom Angeklagten weg hin zum einflussreichen Chefcoach Paterno und seiner Familie sowie auf die Aufarbeitung des Skandals durch die Presse und die Verantwortlichen an der Universität. Eingerahmt wird die Geschichte von einem sichtlich kranken, desorientiert im Krankenhaus umherwandelnden Paterno, der im CT auf den entscheidenden Sieg zum sagenhaften Rekord zurückblickt. „Paterno“ konzentriert sich auch nur auf die Zeit nach diesem 409. Sieg, die Anklageerhebung und die anschließende Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch. Wir beobachten die typische Abwehrhaltung, die kognitive Dissonanz eines Mannes, der die Welt nicht mehr versteht, der aber auch nicht zugeben will, wie groß sein eigener Anteil an der Vertuschung der Vorfälle gewesen ist, die bereits Ende der 1990er Jahre bekannt geworden waren. Auch wenn Levinson immer wieder die journalistische Aufarbeitung und den Umgang mit dem Skandal innerhalb von Paternos Familie thematisiert, bleibt er dicht an Paternos Figur, die von Al Pacino („Hundstage“, „Serpico“) mit ausdrucksstarker Mimik verkörpert wird, wo Worte die eigene Schuld nicht mehr ausdrücken können. 

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