Angels In America

Für sein umstrittenes zweiteiliges Werk „Angels in America: Millennium Approaches“ (1993) und „Angels in America: Perestroika“ (1994) erhielt der jüdische Drehbuchautor und Schriftsteller Tony Kushner unter anderen sowohl den Pulitzer-Preis als auch den Tony Award für das beste Theaterstück. Mit einem imposanten Cast – u.a. Meryl Streep, Al Pacino, Patrick Wilson, Emma Thompson, Sarah Jessica Parker und Jeffrey Wright – gelang Mike Nichols („Die Reifeprüfung“, „Wolf“) eine brillante Adaption des sechsstündigen Bühnenstücks als sechsteilige Mini-Serie „Angels In America“ für HBO.

Inhalt:

Der prominente wie ultrakonservative Anwalt Roy Cohn (Al Pacino) will den republikanischen Staatsanwalt Joe Pitt (Patrick Wilson) nach Washington schicken, wo er im Justizministerium in Cohns Sinne an den richtigen Stellschrauben drehen soll. Da er das Darlehen einer Mandantin über 500.000 Dollar nicht zurückgezahlt haben soll, droht Cohn nämlich der Ausschluss aus der Anwaltskammer. Als wäre das nicht schon schlimm genug, offenbart ihm sein Leibarzt (James Cromwell), dass er AIDS habe. Cohn ist entsetzt. Er schlafe zwar mit Männern, sei aber doch nicht schwul. Um einer drohenden Klage zu entgehen, lässt der Arzt seinen Patienten mit der Diagnose Leberkrebs ins Krankenhaus einliefern, bis er eben doch auf der AIDS-Station landet, wo ihn nicht nur ein schwuler Pfleger (Jeffrey Wright) betreut, sondern in seinen Visionen auch Besuch von Ethel Rosenberg (Meryl Streep) bekommt, die er einst hinrichten ließ.
Als sein Lebenspartner Prior (Justin Kirk) an AIDS erkrankt, wendet sich der schwule liberale Jurist Louis (Ben Shenkman) von ihm ab, weil er doch kein Blut sehen kann. Dafür lässt er sich auf eine Beziehung mit dem Staatsanwalt und Mormonen Joe ein, der nachts durch den New Yorker Central Park streift und Männern beim Sex zuguckt, bis er schließlich erkennen muss, dass er schwul ist. Derweil wendet sich seine psychisch labile Frau Harper (Sarah Jessica Parker) von ihm ab und flüchtet nach Kalifornien. Verzweifelt ruft Joe mitten in der Nacht seine Mutter (Meryl Streep) an, die sich von Salt Lake City auf den Weg nach New York macht, wo sie den aidskranken Prior kennenlernt, der nicht der Ex-Geliebte jenes Mannes ist, mit dem nun ihr Sohn ein Verhältnis hat, sondern der im Schmerzmittelrausch einen deprimierten Engel (Emma Thompson) herbei halluziniert, mit dem er seinen ersten nicht-gleichgeschlechtlichen Beischlaf vollzieht. Der Engel verkündet dabei grimmig, dass Gott nichts mehr von den Menschen wissen will. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ziehen die biedere Mormonen-Mom und der tuntige Prophet gemeinsam durch die Stadt…

Kritik:

Vor dem Hintergrund der Ära von Ronald Reagan als republikanischer Präsident entfalten sowohl Bühnenautor Tony Kushner als auch Regisseur Mike Nichols eine Passionsgeschichte der besonders eindringlichen Art. Vor allem in der Figur des historisch verbürgten Schwulenhassers Roy Cohn, der heimlich mit Männern schlief und 1986 an AIDS starb, wird deutlich, wie der amerikanische Selbstbetrug in einer Zeit funktionierte, in der Geld und Macht alles bedeuteten. In seiner fast sechsstündigen Verfilmung des preisgekrönten Bühnenstücks greift Nichols viele Themen auf, von denen die sogenannte Schwulenseuche zwar als das große Bindeglied zwischen den Einzelschicksalen fungiert, aber Moral, Politik und Religion spielen eine ebenso gewichtige Rolle bei „Angels In America“. Wenn gleich zu Anfang ein Rabbi (Meryl Streep) die Geschichte der Juden im Schmelztiegel von New York rekapituliert, wird deutlich, dass die amerikanische Gesellschaft so nicht funktioniert.
Und auch das Konzept von Ehe, Liebe und Glauben wird auf thematisch vielschichtige und visuell anspruchsvollen Mini-Serie auf den Kopf gestellt. Angst und Verdrängung machen sich bei den Großstadtmenschen breit, und Mike Nichols bringt das Leiden der Kranken schonungslos zum Ausdruck, die Schmerzen, Krämpfe und Halluzinationen, die Isolation und die Todesangst. Selten hat man ein so intensiv inszeniertes und grandios gespieltes Portrait einer schwierigen Epoche gesehen.

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