Die Reifeprüfung
Dass Mike Nichols zu den profiliertesten Filmemachern
in Hollywood zählt, hat er vor allem seinen beiden Frühwerken zu verdanken – „Wer
hat Angst vor Virginia Woolf?“ (1966) mit den Stars Richard Burton und
Elizabeth Taylor sowie „Die Reifeprüfung“ (1967) mit dem jungen,
damals 30-jährigen Dustin Hoffman, der für seine Darstellung des schüchternen
College-Absolventen Ben Braddock seine erste Oscar-Nominierung erhielt und
damit seinen Durchbruch in Hollywood feiern durfte. Heute zählt Nichols‘
Coming-of-Age-Drama als zeitloser Klassiker.
Inhalt:
Als der kurz vor seinem 21. Geburtstag stehende Ben Braddock
(Dustin Hoffman) nach dem äußerst erfolgreichen Ende seiner College-Zeit
nach Los Angeles zurückkehrt, wird er von seinen wohlhabenden Eltern mit einer
Party begrüßt, auf der allerdings nur die Geschäftsfreunde seines Vaters und
deren Frauen anwesend sind.
Von allen wird Ben mit der Frage bedrängt, was er denn nun
vorhabe, aber der junge, schüchterne Mann hat sich darüber noch keine Gedanken
gemacht. Plastik gehöre die Zukunft, vertraut einer der Gäste Ben an, der sich
dann lieber auf sein Zimmer zurückzieht. Dorthin verirrt sich auch Mrs.
Robinson (Anne Bancroft), die Ben bittet, ihn in seinem neuen Wagen,
einem roten Alfa Romeo, nach Hause zu fahren, da ihr Mann (Murray Hamilton),
der der wichtigste Geschäftspartner von Bens Vater ist, mit dem Auto unterwegs
sei. Unter einem Vorwand bittet die doppelt so alte Frau Benjamin nun ins Haus
und versucht ihn zu verführen, womit Ben emotional völlig überfordert ist. Entsprechend
dankbar ist er, als Mr. Robinson nach Hause kommt. Bei einem Glas Whiskey gibt
er Ben den Rat, sich erst einmal die Hörner abzustoßen. Ben weiß aber nach wie
vor nicht, was er mit sich anfangen soll.
Schließlich ruft Benjamin Mrs. Robinson an und verabredet
sich mit ihr in einem nahegelegenen Hotel. Als nach einiger Zeit jedoch die
Tochter der Robinsons, Elaine (Katherine Ross), auftaucht und Ben sich
in sie verliebt, ist der Ärger vorprogrammiert…
Kritik:
Heute lässt sich kaum noch vorstellen, dass Anne Bancroft
(„Licht im Dunkel“, „Jesus von Nazareth“) und Dustin Hoffman („Tootsie“,
„Rain Man“) für „The Graduate“ jeweils nur die vierte Wahl waren,
dass für die männliche Hauptrolle zunächst Warren Beatty, Robert
Redford und Charles Grodin vorgesehen waren, für die Rolle der Mrs.
Robinson Jeanne Moreau, Patricia Neal und sogar Doris Day.
Am Ende überzeugte Hoffman durch seine linkische,
unbeholfene Art Regisseur Mike Nichols, und man nimmt Hoffman
trotz seiner damals dreißig Jahre auch locker den jungen College-Absolventen
ab, dessen Leben zuvor ganz von den Vorstellungen und Entscheidungen seiner
Eltern geprägt war und nun erstmals für sich selbst einstehen muss. In dieser
Phase der Unsicherheit tritt mit der ebenso reifen wie attraktiven und sehr
eloquenten Mrs. Robinson eine Frau auf den Plan, die genau weiß, was sie will,
und es sich ohne Rücksicht auf andere einfach nimmt. Doch als Ben mehr will als
nur Sex, beginnt die Affäre zu bröckeln, und Ben bandelt verbotenerweise mit der
Tochter an. Nichols‘ Film leitet den Niedergang des bis dahin prüden
Amerikas ein, auch wenn er sich selbst mit Nacktszenen zurückhält. Die
geschickte Montage, in der Ben mit der nackt vor ihm stehenden Mrs. Robinson
konfrontiert wird und in der wir nur in schnellen Schnitten abwechselnd Bens
staunenden Blick und die nackte Haut seiner Verführerin sehen, zählt zu den
Höhepunkten eines Films, das vor allem ein treffendes Portrait der besseren
Gesellschaft darstellt, in der junge Menschen mühsam ihren eigenen Weg finden
müssen. Dustin Hoffman brilliert dabei als zunächst unsicherer junger
Mann, der sich zunehmend von seinen Eltern und der Gesellschaft zu emanzipieren
versteht und für seine Wünsche schließlich auch moralische Grenzen überwindet.
Das ist nicht nur grandios gespielt und inszeniert, sondern von dem wunderbaren
Pop-Soundtrack von Simon & Garfunkel mit den Evergreens „The Sound
of Silence“, „Mrs. Robinson“ und „Scarborough Fair/Canticle“ auch wunderbar melancholisch
vertont.


.jpg)


.jpg)


Kommentare
Kommentar veröffentlichen