I’m Not There
Wie erweckt man einen legendären Künstler auf der Leinwand
zum Leben, wenn er so unbeschreiblich enigmatisch wie öffentlichkeitsscheu wie Bob
Dylan? Todd Haynes („Velvet Goldmine“, „Dem Himmel so fern“)
findet in seiner von Dylan höchstselbst autorisierten Biografie „I’m Not
There“ (2007) eine ebenso verblüffende wie schlüssige Lösung und lässt den
schwer fassbaren Künstler von gleich sechs Darsteller:innen verkörpern.
Inhalt:
Im Jahr 1959 zieht der elfjährige schwarze Junge Woody
Guthrie (Marcus Carl Franklin) mit seiner Gitarre ziellos durch das
Land, springt auf Güterzüge auf, wird mal hier, mal dort in eine Gastfamilie
aufgenommen und findet in ihnen ein dankbares Publikum. Zwar hat der Junge durch
seine Reisen bereits einiges an Lebenserfahrung gewonnen, doch als ihm eine seiner
Gastmütter nahelegt, seine Lieder nicht nur der Vergangenheit zu widmen,
sondern dem Hier und Jetzt, wird er nachdenklicher.
Als zweiter Dylan sitzt der 19-jährige Arthur Rimbaud (Ben
Wishaw) vor einem Untersuchungsausschuss und offenbart sein
Selbstverständnis als Künstler.
Mit politischen Folk-Songs weist Jack Rollins in einer
dritten Facette der Persönlichkeit Bob Dylans (Christian Bale) auf
gesellschaftliche Missstände hin und wird zur Stimme einer neuen Generation.
Eine weitere Episode stellt den Schauspieler Robbie Clark (Heath
Ledger) vor und erzählt schlaglichtartig die Geschichte einer gescheiterten
Liebe, vom ersten, romantischen Treffen mit der französischen Malerin Claire (Charlotte
Gainsbourg) in einem Café bis zur Scheidung.
Als Jude Quinn (Cate Blanchett) vollzieht Dylan den Wechsel
von gesellschaftspolitisch aufgeladenem Folk zu lautem Pop, der mit dem Einsatz
einer elektrischen Gitarre (Fender Stratocaster) einhergeht, womit Quinn viele
seiner Fans gegen sich aufbringt.
Und schließlich tauchen wir mit Billy the Kid (Richard
Gere) als sechstem Dylan tief in eine abgelegene Western-Szenerie, in der sich
der einstige Revolverheld vor seinem Rivalen Pat Garrett versteckt…
Kritik:
Todd Haynes und sein Co-Drehbuchautor Oren
Moverman („The Messenger“, „Rampart“) unternehmen gar nicht erst den
Versuch, ihre Bob-Dylan-Biografie als chronologischen Abriss seines
Lebens zu inszenieren. Stattdessen ordnen sie die mannigfaltigen Facetten des
schwer greifbaren Künstlers sechs ganz unterschiedlichen Typen zu, die sich schon
äußerlich stark voneinander unterscheiden und in verschiedenen Zeiten leben. Am
krassesten kommen die Unterschiede zwar in der Gegenüberstellung des schwarzen
Jungen Woody Guthrie und des inkognito lebenden Western-Helden Billy the Kid zum
Ausdruck, aber allein die Tatsache, den stilwechselnden Part von Dylans
Geschichte durch Cate Blanchett verkörpern zu lassen, zeigt auf, dass
sich Haynes keinerlei künstlerischer Einschränkungen belegt. So
episodenhaft, unzusammenhängend und durchaus verwirrend die Geschichte Bob
Dylans auch erzählt wird, bilden seine Songs doch eine Art Bindeglied
zwischen den Schlaglichtern, die auch metaphysisch angehaucht sind und vor
allem durch den Wechsel stilisierter Schwarzweiß-Bilder und erdigen
Farbaufnahmen ihre Entsprechung auf der visuellen Ebene finden. Der
hochkarätige Cast wird durch schöne Nebenrollen ergänzt, in denen Julianne Moore
stellvertretend für Joan Baez in einem Interview über die Bedeutung von Jack
Rollins‘ Musik berichtet, und Bruce Greenwood als BBC-Moderator Jude Quinn
mit dessen vermeintlichen Gefühlslosigkeit konfrontiert. Es ist keine leichte
Kost, die Haynes mit „I’m Not There“ präsentiert, aber eine äußerst
kunstvolle, zum Nachdenken anregende.
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