Junges Licht

Der 1967 in Kassel geborene Filmemacher Adolf Winkelmann hat zwar auch Filme wie „Super“ (1984, mit Udo Lindenberg in der Hauptrolle) und „Peng! Du bist tot!“ (1987, mit Ingolf Lück) in seiner Werksbiografie stehen, ist aber vor allem durch seine Ruhrpott-Trilogie („Die Abfahrer“, „Jede Menge Kohle“, „Nordkurve“) bekannt geworden. Mit seinem neuen Film „Junges Licht“ setzt er sein Faible für das Revier meisterhaft fort.
Der zwölfjährige Julian Collien (Oscar Brose) wächst in den 1960er Jahren in einer typischen Arbeiterfamilie auf. Während der Vater (Charly Hübner) im Schichtdienst unter Tage Kohle abbaut, kümmert sich seine Mutter (Lina Beckmann) um den Haushalt und die Erziehung der Kinder. Wenn sie mit einer Kolik im Bett liegt und nicht dafür sorgen kann, dass das Essen auf dem Tisch steht, wenn der Mann von der Arbeit kommt, fliegen ebenso die Fetzen wie an Tagen, an denen mit der Erziehung von Julian und seiner jüngeren Schwester Sophie überfordert ist. Dann setzt es wie in der Schule auch mal Prügel, bevorzugt mit dem Kochlöffel.
Da ihr Leiden psychischer Natur zu sein scheint, fährt sie mit der Tochter für einige Zeit zu Verwandten, so dass Vater und Sohn allein zurechtkommen müssen. Julian nutzt die Zeit, um die Gegend zu erkunden und von einer Clique von älteren Jungs aufgenommen zu werden, für die er allerdings erst einmal seine Eignung unter Beweis stellen muss. Er verbringt Zeit mit der koketten fünfzehnjährigen Nachbarstochter Maruscha (Greta Sophie Schmidt) und ihrem Stiefvater (Peter Lohmeyer), der Julian seine Kamera leiht, damit dieser ein paar anregende Bilder von seinen Jungs schießt. Aber auch Julians Vater weiß seine ungewohnte Freiheit zu nutzen …
Mit der Verfilmung von Ralf Rothmanns Roman „Junges Licht“ präsentiert Adolf Winkelmann vor allem eine faszinierende Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen, der quasi auf eigene Faust zwischen katholischer Lehre, autoritärem Schulsystem und vom (Arbeits-)Alltag eingespannten Eltern seine Erfahrungen zu machen versucht und auf der Suche nach Anerkennung schon mal – wenn auch mit schlechtem Gewissen – die Grenzen des Erlaubten überschreitet.
Besonders eindrucksvoll hat Winkelmann dies in den Szenen herausgearbeitet, in denen Julian, Maruscha und immer wieder auch sein Vater miteinander kommunizieren, aber auch in den angedeuteten, für Julian aber gänzlich unverstandenen Anzüglichkeiten von Maruschas Stiefvater wird deutlich, dass die Entdeckung der Sexualität noch nicht auf Julians Agenda steht, auch wenn er immer wieder damit konfrontiert wird.
Abgesehen von der einfühlsam inszenierten Coming-of-Age-Thematik legt Winkelmann aber auch viel Wert auf die authentische Abbildung der verrußten Ruhrpott-Atmosphäre mit den gewaltig rauchenden Fabrikschloten, über die Julian vom Balkon der Wohnung in der Arbeitersiedlung den Blick schweifen lässt. Dabei wechseln Winkelmann und sein Kameramann David Slama („Herr der Diebe“, „In 3 Tagen bist du tot“) immer wieder unvermittelt zwischen atmosphärischen Schwarz-Weiß-Bildern und Cinemascope-Bildern im Vintage-Look, was der eindrucksvollen Erzählung auch eine interessante filmästhetische Note verleiht. Vor allem die darstellerische Leistung von Oscar Brose verdient besondere Anerkennung. Seinen Julian präsentiert er mit staunenden wie unschuldigen Augen und mit Tugenden, die nicht nur mit gutgemeinten Worten anerzogen worden sind.
"Junges Licht" in der IMDb

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