Die dritte Generation
Bereits 1978 wirkte Rainer Werner Fassbinder zusammen
mit anderen deutschen Filmemachern an der Dokumentation „Deutschland im
Herbst“ mit, die die Ereignisse im September und Oktober 1977 aufarbeitete,
als die terroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion (RAF) den Arbeitgeber-Präsidenten
Hanns Martin Schleyer entführte und ermordete, das Lufthansa-Flugzeugs Landshut
entführte und inhaftierte führende Mitglieder der ersten Generation der RAF
Selbstmord verübten. 1979 führte Fassbinder das Thema mit der Satire „Die
dritte Generation“ fort, mit der der Filmemacher die zukünftige Entwicklung
der RAF in den 1980er Jahren vorwegnahm, denn zur Zeit der Entstehung des Films
war erst die zweite Generation der Terrorgruppe aktiv.
Inhalt:
Im Winter 1978/79 besteht die dritte Generation der
RAF-Terroristen aus einer lokalen Gruppe gelangweilter junger Leute, die aus
unterschiedlichen Verhältnissen stammen: Rudolf Mann (Harry Baer) ist
Verkäufer in einem Musikgeschäft, Petra Vielhaber (Margit Carstensen) die
Ehefrau eines Bankdirektors. Der selbsternannte Komponist Edgar Gast (Udo
Kier) lebt mit seiner Familie bei den Eltern, sein Vater ist
Polizeikommissar Gerhard Gast (Hark Bohm). Außerdem zählen die
Geschichtslehrerin Hilde Krieger (Bulle Ogier) und Susanne Gast (Hanna
Schygulla), die Frau von Edgar und Sekretärin eines amerikanischen
Computerkonzerns, dazu. Abgerundet wird die Gruppe durch den in Afrika
ausgebildete Terroristen Paul (Raúl Gimenez) und zwei entlassene
Bundeswehrsoldaten – der Afrodeutsche Franz Walsch (Günther Kaufmann) und
Bernhard von Stein (Vitus Zeplichal). Anführer der Gruppe ist August
Brem (Volker Spengler). Als Erkennungszeichen haben sie Arthur
Schopenhauers „Die Welt als Wille und Vorstellung“ gewählt, dennoch fehlen
der Gruppe die politischen Ideen und gesellschaftliche Utopien.
Drei Mitglieder erbeuten Pässe in einem Einwohnermeldeamt, doch
als Paul in einem Lokal von einem Killerkommando der Polizei unter Kommissar
Gast erschossen wird, wandert die Gruppe daraufhin in den Untergrund. Als Kommissar
Gast mit seinen Leuten die Wohnung der Terroristen durchsucht, treffen sie nur
noch den verwirrten Bernhard an. Die verkleideten und mit neuen Identitäten
ausgestatteten Angehörigen der Dritten Generation erbeuten Geld bei
einem Banküberfall in der Bank von Petras Ehemann Hans Vielhaber (Jürgen
Draeger).
Bernhard konfrontiert schließlich Kommissar Gast damit, dass
er das Spiel durchschaut und August Brem als Verräter der Gruppe erkannt hat,
bezahlt dies aber ebenfalls mit seinem Leben: Gast wirft Bernhard über das
Geländer ins Treppenhaus.
Brem lässt sich sein Doppelspiel von dem US-amerikanischen
Unternehmer Peter Lurz (Eddie Constantine) bezahlen, der seine
Fahndungscomputer in der BRD absetzen möchte und daher die Terroranschläge
unterstützt…
Kritik:
Wie der Vorspann von „Die dritte Generation“ nach dem
Drehbuch von Fassbinder ankündigt, handelt es sich bei dem Film um eine „Komödie
in sechs Teilen um Gesellschaftsspiele voll Spannung, Erregung und Logik,
Grausamkeit und Wahnsinn, ähnlich den Märchen, die man Kindern erzählt, ihr
Leben zum Tode ertragen zu helfen“, dazu gliederte er den Film in Kapitel
mit Sprüchen, die er während der Dreharbeiten auf öffentlichen Toiletten fand. Mit
diesem provozierenden, die gesellschaftspolitischen Zustände in Deutschland im
Nachgang des Deutschen Herbstes karikierenden Film spaltete Fassbinder,
der „Die dritte Generation“ ohne öffentliche Fördermittel aus eigener
Tasche finanzieren musste, die Nation und die Kritiker. Tatsächlich bietet die
Politsatire nur einen rudimentären Plot mit karikaturhaft überzeichneten, grell
maskierten und laut auftretenden Figuren, die sowohl die Aktionen der Terroristen
als auch das Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden der Lächerlichkeit
preisgeben. Das ist so schrill inszeniert, dass der schwarze Humor kaum zur
Entfaltung kommt und das Publikum angesichts der durchweg unsympathischen
Figuren das Geschehen nur sehr distanziert wahrnehmen kann. Am Ende muss jeder
die Frage für sich selbst beantworten, ob die Terroristen zu blöd sind oder die
Gesellschaft als Ganzes…
Kommentare
Kommentar veröffentlichen