Bringing Out the Dead

Mit Drehbuchautor Paul Schrader hat Martin Scorsese bereits bei „Taxi Driver“, „Wie ein wilder Stier“ und „Die letzte Versuchung Christi“ zusammengearbeitet. Als der Filmemacher durch Produzent Scott Rudin auf den Vorabdruck von „Bringing Out the Dead“, einen Roman von Joe Connelly, aufmerksam gemacht wurde, kam ihm sofort sein Lieblingsautor in den Sinn, aus der Geschichte, die in New Yorks heruntergekommenen Viertel Hell’s Kitchen spielt, einen filmreifen Stoff zu machen. Mit Nicolas Cage hatte Scorese auch gleich den idealen Hauptdarsteller vor Augen. 

Inhalt: 

Nacht für Nacht wird Rettungssanitäter Frank Pierce (Nicolas Cage) auf den Straßen von New York mit Elend, Gewalt und Tod konfrontiert, wobei ihm die Tatsache, dass er seit Monaten keinen Menschen mehr retten konnte, zunehmend deprimiert. Vor allem die Erinnerung an die junge Latina Rose (Cynthia Roman), die an einer Überdosis gestorben ist, macht ihm schwer zu schaffen. Das Bild ihres Gesichts legt sich immer wieder auf die Nachtschwärmer, an denen er auf seinen Touren im Ambulanzwagen vorbeifährt. Eigentlich hängt ihm sein Job zum Halse heraus, doch obwohl er schon etliche Krankheitstage in Anspruch genommen hat und immer wieder zu spät seinen Dienst antritt, will ihn sein Vorgesetzter nicht auf die Straße setzen, denn Ersatz ist rar. So wechseln auch Franks Partner. Larry (John Goodman) beispielsweise versucht, die zermürbenden Schichten durch abwechslungsreiche Imbiss-Stopps und gepflegte Nickerchen aufzulockern, der evangelikale Christ Marcus (Ving Rhames) zelebriert die Rettung eines Drogensüchtigen als lautstarke Lobpreisung des Herrn, während der ehemalige Soldat Tom (Tom Sizemore) die Straßen als Kriegsschauplatz betrachtet, auf dem man nur mit Waffengewalt für Ordnung sorgen kann. In all diesem Wahnsinn lernt Frank bei einem Einsatz die heroinsüchtige Mary (Patricia Arquette) kennen. Sie hat seit drei Jahren kaum noch Kontakt zu ihrem Vater Mr. Burke (Cullen O. Johnson), der nach einem Herzinfarkt zu Hause zwar gerade noch so wiederbelebt werden konnte, seitdem aber im Koma liegt und dessen Herz immer wieder durch den Defibrator in Funktion gehalten wird. Frank begegnet Mary immer wieder in der Notaufnahme des Krankenhauses, wo der sonnenbebrillte schwarze Cop Griss (Afemo Omilami) dafür sorgt, dass kein Unbefugter auf die Station kommt, wo die Patienten bereits auf dem Flur in den Betten aufgereiht liegen, viele von ihnen Dauergäste wie der durchgeknallte Junkie Noel (Marc Anthony), der einfach nur einen Schluck Wasser haben will. Als er Mary zu einer vermeintlichen Freundin bis zur Tür begleitet, erfährt er, dass es sich in Wahrheit um die Wohnung ihres Dealers Cy (Cliff Curtis) handelt. Der übermüdete Frank kann nicht widerstehen und lässt sich auch eine Pille andrehen … 

Kritik: 

„Bringing Out the Dead“ sieht wie ein Gegenentwurf zu Scorseses Meisterwerk „Taxi Driver“ (1976) aus, doch im Gegensatz zu den verstörenden Inneneinsichten des von Robert De Niro so beeindruckend gespielten Vietnam-Veterans Travis richtet der Filmemacher diesmal den Blick auf die nächtlichen Straßen eines New Yorker Elendsviertels. Mit Robert Richardson („Casino“, „Zwischen Himmel und Hölle“) hat Scorsese einen Kameramann an seiner Seite, der die Junkies, Prostituierten, Obdachlosen und Nachtschwärmer in künstlichem Licht badet und so Franks fast schon halluzinierende Blicke auf seine nächtliche Umwelt einfängt. 
„Bringing Out the Dead“ ist vor allem ein Drama um Erlösung und Vergebung. So wie Mary darauf hofft, dass ihr Vater überlebt, damit sie die letzten Jahre vergessen machen kann, hofft auch Frank, dass er sich selbst dafür vergeben kann, dass er Rose – stellvertretend für viele andere – nicht retten konnte. Nacht für Nacht auszurücken und ohnmächtige, vollgekotzte Junkies und Alkoholiker von der Straße aufzulesen setzt Frank so zu, dass er kein Auge mehr zubekommt, kein eigenes Leben mehr hat. Mary erscheint ihm da wie eine Seelenverwandte, wie ein Rettungsanker, doch scheint diese Bindung über längere Zeit zu schwach, um einander retten zu können. 
Nicolas Cage („Mondsüchtig“, „Stadt der Engel“) spielt diesen empathischen wie deprimierten Sanitäter glaubwürdig und einfühlsam. Das Leid seiner Figur lässt sich jederzeit in seinen Augen, in seinem Gesicht, in seinem Gang ablesen. Es ist ein bedrückender Film, der von Van Morrisons thematisch passenden Song „T. B. Sheets“ untermalt wird. 
So überzeugend Darsteller und Kameraarbeit gelungen sind, so schleppt sich die Geschichte allerdings auch ohne große Dramatik und Überraschungen dahin, so dass „Bringing Out the Dead“ bis heute eher zu den schwächeren Filmen des großartigen Regisseurs zählt.  

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