Serpico

Bereits mit seinem dreifach Oscar-nominierten Regiedebüt „Die 12 Geschworenen“ (1957) hat Sidney Lumet (1924-2011) das Thema Gerechtigkeit auf seine Fahnen geschrieben. Mehr als 15 Jahre später schuf Lumet mit „Serpico“ nicht nur ein weiteres filmisches Meisterwerk und einen Klassiker des Polizeifilms, sondern verschaffte auch seinem Hauptdarsteller Al Pacino dessen nächste Oscar-Nominierung (nach der Nominierung für den Besten Nebendarsteller in Coppolas „Der Pate“). „Serpico“ ist thematisch auch deshalb so interessant, weil hier weniger die polizeiliche Ermittlungsarbeit und damit kein klassischer Krimi-Plot im Mittelpunkt steht, sondern moralische Verfehlungen innerhalb des Polizeiapparats. 

Inhalt: 

Als Frank Serpico (Al Pacino) mit einer Schusswunde im Gesicht schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird, laufen die Drähte bei den Medien und vor allem bei der Polizei heiß. Schon machen bei Serpicos Kollegen Spekulationen die Runde, wer für die Tat verantwortlich sein könnte, Gangster oder etwa einer von ihnen? Auf jeden Fall sorgt Serpicos Chef und Mentor Sidney Green (John Randolph) dafür, dass Serpicos Krankenzimmer unter Polizeischutz gestellt wird. Wie konnte es so weit kommen? Schon seit Kindertagen träumt Francesco Vincent „Frank“ Serpico davon, Polizist zu werden. 
Doch als er 1959 erfolgreich seine Ausbildung beendet hat und voller Lebensfreude und Idealismus seinen Dienst beim New York City Police Department als Streifenpolizist antritt, folgt schnell die Ernüchterung. Statt mit dem Verbrechen in der Stadt aufzuräumen, werden Verhaftungen manipuliert, Berichte gefälscht, Verdächtige misshandelt und vor allem Schmiergelder eingestrichen. 
Zwar lässt sich Serpico immer wieder in ein anderes Revier versetzen, muss jedoch feststellen, dass diese Methoden gang und gäbe sind, dass Serpico von seinen Kollegen sogar angefeindet wird, weil er nicht seinen ihm zustehenden Anteil einstreichen will. Der ebenso ehrgeizige wie ehrliche und kulturinteressierte Serpico entwickelt sich mit seinem Vollbart und Hippie-Look zu einem Außenseiter, der nicht länger mitansehen will, wie seine Kollegen nicht davor zurückschrecken, sogar die Aktivitäten der Mafia zu unterstützen. 
Als sich Serpico sich mit Hilfe seines einzigen Freundes Bob Blair (Tony Roberts) an die Vorgesetzten wendet, muss er frustriert feststellen, dass er weiterhin ungehört bleibt und sich nichts an den Verhältnissen ändert. Während Serpico an der Manifestation der Zustände, die er anprangert, innerlich aufgefressen wird, gehen auch seine Beziehungen zu Laurie (Barbara Eda-Young) und Leslie (Cornelia Sharpe) an der Verbitterung, die sich bei ihm breit gemacht hat. 

Kritik: 

Norman Wexler („Der City Hai“, „Nur Samstag Nacht“) und Waldo Salt („Asphalt-Cowboy“, „Coming home – Sie kehren heim“) haben das Drehbuch nach der gleichnamigen Bestseller-Biografie von Peter Maas verfasst und den unermüdlichen Kampf des titelgebenden Protagonisten, der 1969 mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen ist, ganz in den Mittelpunkt des Films gestellt. 
Nach der dramatischen Eröffnung mit Serpicos Einlieferung ins Krankenhaus erzählt Lumet Serpicos Geschichte seit dessen Eintritt in die New Yorker Polizei und dokumentiert seinen Kampf gegen die Korruption in den eigenen Reihen. 
Al Pacino, der sich mit dem echten Serpico mehrmals getroffen hat, um die Figur möglichst authentisch wiedergeben zu können, brilliert als einsamer Kämpfer für Gerechtigkeit, der daran zugrunde geht, dass die eigentliche Aufgabe der Polizei – der Kampf gegen das Verbrechen – überhaupt keine Rolle in dem Alltag seiner Kollegen zu spielen scheint, die nur daran interessiert zu sein scheinen, möglichst viel Geld beiseite zu schaffen, um beispielsweise ihren Kindern eine bessere Ausbildung bieten zu können. 
Lumet lässt sich allerdings nicht darauf ein, Serpico als strahlenden Helden darzustellen. Vielmehr zeigt er auf, dass Serpicos unermüdlicher Kampf für Gerechtigkeit tiefe Spuren in seinem Leben hinterlässt, dass auch die Frauen in seinem Leben in die Flucht treibt. Die Geschichte ist so dramatisch inszeniert, dass „Serpico“ ebenso wie schon „Die 12 Geschworenen“ und später auch „Hundstage“ (wiederum mit Al Pacino in einer herausragenden Rolle) fast ohne musikalische Untermalung auskommt. Stattdessen sorgt Pacinos großartige Verkörperung der temperamentvollen Hauptrolle allein für den dramaturgischen Spannungsbogen, zu dem die Nebendarsteller wenig beitragen können. 
„Serpico“ demonstriert als Highlight des „New Hollywood“-Kinos eindrucksvoll, wie Regisseur Sidney Lumet und Hauptdarsteller Al Pacino eine recht einfache, aber wichtige Geschichte zu einem packenden Filmerlebnis formen, das auch heute noch bis zur letzten Einstellung fesselt.  

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