Julia und die Geister

Seit sich Federico Fellini mit den psychoanalytischen Schriften von C. G. Jung auseinandergesetzt und er erkannt hat, dass das Traumleben ebenso wichtig ist wie das wache Leben, hat er zunächst in „8 ½“ (1963) erfolgreich die Schaffenskrise seines männlichen Protagonisten mit Traumsequenzen versinnbildlicht, dann mit seinem nächsten Film „Julia und die Geister“ (1965) das weibliche Pendant dazu geschaffen. Der Film stellte nicht nur Fellinis ersten Farbfilm dar, sondern bescherte seiner Frau Giulietta Masina („Die Nächte der Cabiria“, „La Strada – Das Lied der Straße“) eine sehenswerte Rückkehr zum italienischen Film.
Die gut situierte Giulietta Boldrini (Giulietta Masina) bereitet zu ihrem 15. Hochzeitstag mit ihrem Mann Giorgio (Mario Pisu) mit ihren Haushaltshilfen ein feines Dinner zu zweit in ihrem Haus vor, doch als Giorgio von der Arbeit nach Hause kommt, hat er eine Handvoll Freunde im Schlepptau, darunter einen Spiritisten, der mit der familiären Gesellschaft gleich eine Séance abhält. Damit öffnet sich für die gutgläubige wie unterwürfige Giulietta das Tor zu einer anderen Welt, in der sie in Visionen verklärte Szenen aus ihrer Kindheit, Piraten und ihre ertrunkene Freundin sieht, aber auch ihr Selbstbewusstsein untergraben.
Als sie im Ehebett noch hört, wie ihr schlafender Mann den Namen einer anderen Frau flüstert, stellt sie nicht nur ihre Ehe, sondern auch ihre Einstellung zum Leben in Frage. Doch als sie sich mit ihrer Nachbarin, der hedonistischen Susy (Sandra Milo) anfreundet und ihre Villa der Lüste zu einer ausschweifenden Orgie besucht, findet Giulietta allmählich zu sich selbst …
Fellini hat seit „La Strada“ (1954), der nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Frau Giulietta Masina berühmt gemacht hat, an der Rolle der Julia gearbeitet, eine Rolle, die seiner Meinung nach Masinas eigenem Charakter am nächsten kam. Die Handlung ist an sich unspektakulär und lässt sich kurz als Selbstfindungstrip einer gedemütigten, abergläubischen Frau beschreiben. Damit bildet er genau den weiblichen Gegenentwurf zu „8 ½“, wo Fellinis Alter Ego Marcello Mastroianni als Filmemacher Guido daran verzweifelt, seinen nächsten Film zu inszenieren. Ähnlich wie Guido gelangt auch Giulietta durch Träume und Visionen zu einem neuen Verständnis ihrer eigenen Persönlichkeit, und es Fellinis besonderer Verdienst, einmal mehr die Traumbilder und teils beängstigenden Visionen mit einzigartigen, farbenfrohen Bildern und Kulissen umgesetzt zu haben, die ihren Ursprung in der Ästhetik der Flower-Power-Ära haben.
Interessant ist dabei vor allem Giuliettas Wandel von der züchtigen, gläubigen (in Weiß gekleideten) Ehefrau zu einer leidenschaftlichen (in Rot gewandeten) Frau, die ihre eigene Sinnlichkeit entdeckt. Leider überwarf sich Fellini während der Dreharbeiten mit dem Bühnenbildner Piero Gherardi und Drehbuchautor Ennio Flaiano, die ihre jahrelange Zusammenarbeit mit dem Regisseur darauf beendeten.
„Julia und die Geister“ überzeugt weniger durch eine strukturierte Erzählweise als durch die gelungene Aneinanderreihung betörender Bilderreigen, die die Kraft der Imagination und des Unterbewusstseins feiern.
"Julia und die Geister" in der IMDb

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