Mit Werken wie „Fahrstuhl zum Schafott“ und „Die
Liebenden“ (beide 1958) avancierte Louis Malle zu einem wichtigen Vertreter
der Nouvelle Vague, doch interessierte den Filmemacher weniger das
theoretische Konstrukt als das Drehen der Filme an sich. Darin geht es immer
wieder um das Wechselspiel der Welt der Erwachsenen mit der von Kindern, um
soziale und politische Umwälzungen, nicht zuletzt um Tabubrüche, Beziehungen
und Sexualität. Das wird auch in seinem 1990 inszenierten Film „Eine Komödie
im Mai“ deutlich.
Inhalt:
Als Madame Vieuzac (Paulette Dubost) im Mai 1968 während
des Kochens von einer finalen Schwäche erfasst wird, sich mit letzter Kraft die
Treppe hinaufschleppt und schließlich tot auf dem Sofa zusammenbricht,
versammelt sich auf dem idyllisch gelegenen Landsitz in der südfranzösischen
Provinz allmählich die gesamte Großfamilie, um die alte Dame unter die Erde zu
bringen und das Erbe untereinander aufzuteilen. Tendiert vor allem seine
Tochter Camille (Miou-Miou) dazu, alles schlichtweg zu verkaufen und den
Erlös anteilig umzulegen, protestiert der älteste Sohn Milou (Michel Piccoli)
ganz entschieden dagegen, den Familiensitz aufzugeben, fristet er doch nach wie
vor hier sein naturnahes, entspanntes Dasein und bildet das Weingut zudem das
Zentrum der auseinandergedrifteten Sippe. Da infolge des Generalstreiks auch
die Totengräber streiken, ist die Familie gezwungen, länger als geplant zu
verweilen. Aufgewühlt durch spärliche Informationen aus dem Radio und einen
später dazustoßenden Neffen, der von den Ereignissen in Paris berichtet, wähnt
man sich in der Anarchie und überlegt, wie man unter diesen Rahmenbedingungen
die Zukunft gestaltet…
Kritik:
Vor dem Hintergrund des „Pariser Mai“, bei dem sowohl
Studentenproteste und ein wochenlanger Generalstreik mit bis zu zehn Millionen
streikenden Menschen die Präsidentschaft von Charles de Gaulle zu
beenden drohte, hat Louis Malle eine erfrischende Sommerkomödie um eine dysfunktionale
Familie auf einem idyllischen Weingut in der Provinz inszeniert. Was sich in
Paris abspielt, wird meist nur durch das Radio erlebbar, aber auch die Anfahrt
von Camille Familie verzögert sich durch die Proteste in der Stadt. Als sich
die Familie endlich versammelt hat, wird wenig Zeit auf die Trauer um die
verstorbene Hausherrin verbracht, sondern gleich das Erbe unter den drei
Kindern verschachert. Möbel werden in drei gleichwertige Haufen
zusammengestellt, Geschirr verteilt, aber was geschieht mit dem Haus, aus dem
Milou partout nicht ausziehen will? Vor diesem historischen und familiären Hintergrund
erleben wir eine fast surreal anmutende Welt, in der Milou naturnah und entspannt
sein Leben und seine Lust genießt, wozu die Haushälterin Adele (Martine
Gautier) ebenso zählt wie später die Engländerin Claire (Dominique Blanc).
Auf die Spitze getrieben wird die Farce, als sich die versammelte Mannschaft
darauf einigt, Lose zu ziehen, wer mit wem schläft – an Ort und Stelle -, und
dann allesamt Reißaus in die Natur nehmen. Spätestens dann sind alle Regeln des
gutbürgerlichen Zusammenlebens und Anstand hinfällig geworden. All dies hat Louis
Malle mit gewohnt leichter Hand inszeniert, dass keine Sekunde Langeweile
aufkommt.
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