Woody Allen hat es seit Beginn seiner langjährigen
und äußerst produktiven Filmemacherkarriere immer wieder geschafft, seinen
Prototypen des neurotischen New Yorker Intellektuellen mit jüdischem Hintergrund
in immer neuen interessanten Konstellationen zu präsentieren, auch in seinem
1997 entstandenen, äußerst prominent besetzten Werk „Harry außer sich“,
der sich zudem als intelligente Auseinandersetzung mit den Missbrauchsvorwürfen
erweist, denen Allen ausgesetzt gewesen ist.
Inhalt:
Der Schriftsteller Harry Block (Woody Allen) hat sich
für sein neuestes Buch von seinem eigenen Leben inspirieren lassen und dabei
Dinge offenbart, die für manche seiner Mitmenschen besser unter Verschluss
geblieben wären. So hält ihm Lucy (Judy Davis), die Schwester seiner
Ex-Frau, in seiner Wohnung eine Pistole vor die Nase, weil er in seinem Roman
die Affäre publik gemacht hat, die sie miteinander hatten. Als Harry vor ihr
auf das Dach flieht, versucht er sie mit einer Geschichte von ihrem Vorhaben
abzubringen. Darin bekommt Harvey (Tobey Maguire) die Möglichkeit, die
leerstehende Wohnung eines Bekannten zu nutzen, um eine chinesische Prostituierte
zu sich kommen zu lassen, durch eine missliche Verwechslung aber Besuch vom
Sensenmann bekommt. Lucy findet die Geschichte so komisch, dass sich Harry durch
seine Fabulierkunst wieder aus der Bredouille reden kann. Dann wird Harry zu
einer Ehrung an seine ehemalige Universität gerufen. Zusammen mit einem
merkwürdigen alten Freund (Bob Balaban), einer forschen Prostituierten (Hazalle
Goodman) und seinem – eigens gekidnappten – Sohn aus gescheiterter Ehe (Eric
Lloyd) macht sich Harry auf den Weg. Doch zunehmend holen ihn die Eskapaden
der Vergangenheit in Form seiner eigenen Geschichten ein…
Kritik:
Auch wenn Woody Allen bereits in seinen vorangegangenen
Werken immer wieder auf die Beziehungsprobleme und schöpferische Krisen
eingegangen ist, hat er sich mit „Harry außer sich“ einmal mehr
übertroffen, so als würden die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe, Mia Farrows
Adoptivtochter missbraucht zu haben, zu einer sarkastischen Bissigkeit führen,
die man von dem Vielfilmer in diesem Maße noch nicht zu sehen bekommen hat.
Geschickt verwebt er die verkorkste Biografie seines wieder einmal
selbstreferentiell angelegten Protagonisten mit der Welt seiner Werke, bis sich
die Figuren aus seinem eigenen Leben mit denen seiner literarischen Schöpfungen
verweben. Eine Vielzahl von Frauen, mit denen Harry Beziehungen hatte, tauchen
dabei ebenso auf wie außergewöhnliche Prostituierte, für deren Unterhalt Harry
immer 500 Dollar bei sich hat. Die geplante Reise zu der Universität, die ihn
zu ehren beabsichtigt, ist das handlungstreibende Moment, doch dazwischen wechseln
sich in schneller Abfolge Szenen aus seinem Leben mit denen aus seinen Werken ab,
dass einem schwindlig werden kann. Mit bissigem Humor und einer gehörigen
Portion humorvoller Selbstreflexion führt uns Woody Allen sogar in seine
ganz persönliche Hölle, in der er mit einer verblüffenden Erkenntnis
konfrontiert wird. Indem Allen seine Figur als genau diejenige
präsentiert, wie ihn die Medien und ein Großteil der Öffentlichkeit sehen,
dekonstruiert er sich ebenso wie seinen Protagonisten. Das macht ihm so schnell
niemand nach.
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