Once Upon a Time in Hollywood

Wenn Quentin Tarantino ein neues Werk ankündigt, steht die Filmwelt augenblicklich Kopf. Nachdem der zelluloidbegeisterte Drehbuchautor, Produzent und Regisseur mit seinen vorangegangenen Filmen „Django Unchained“ und „The Hateful 8“ vor allem seiner Begeisterung für den Italo-Western seinen ganz persönlichen Ausdruck verlieh, setzt er sich mit seinem neunten Werk auf lakonisch-humorvolle und zitatenreiche Weise mit Hollywood selbst auseinander – aber wieder ganz anders, als sein Publikum es erwarten würde.
Nachdem John Sturges 1960 mit „Die glorreichen Sieben“ noch einmal für eine kurze Wiederbelebung des Western-Genres sorgen konnte, ist dessen Zeit im Jahre 1969 definitiv abgelaufen – und damit auch die des Western-Serien-Helden Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), dessen Erfolgsserie „Bounty Law“ immer weniger Zuschauer vor die Fernseher zieht. So lässt er sich in Hollywood zusammen mit seinem Stuntdouble, Fahrer und besten Freund Cliff Booth (Brad Pitt) in der Rolle des Bösewichts verheizen und vermöbeln, doch dabei bleibt nicht mehr so viel hängen, um sein Luxus-Anwesen in den kalifornischen Hügeln dauerhaft halten zu können, wo gerade erst der berühmte „Rosemaries Baby“-Regisseur Roman Polanski (Rafal Zawierucha) mit seiner Frau, der Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie), ins Nachbarhaus eingezogen ist. Während Rick für seine nächste Rolle als Bösewicht in Western-Hippie-Outfit in „Lancer“ unter der Regie von Sam Wanamaker (Nicholas Hammond) seinen Text einübt, den er am Set beim Drehen peinlicherweise immer wieder vergisst, kurvt Cliff einfach entspannt in der Gegend herum und nimmt dabei die Anhalterin Pussycat (Margaret Qualley) mit. Er bringt sie zur Spahn-Ranch, die Cliff als frühere Westernkulisse für „Bounty Law“ wiedererkennt und wo sich mittlerweile die Mitglieder der Manson-Familie eingenistet haben. Rick Dalton lässt sich von Filmproduzent Marvin Schwarz (Al Pacino) dazu überreden, vier Spaghetti-Western in Italien zu drehen, darunter „Nebraska Jim“ von Sergio Corbucci. Als er nach sechs Monaten zurückkehrt, hat er eine italienische Frau geheiratet und offenbart Cliff, dass er ihn nicht länger beschäftigen könne. Zum Abschied wollen sich die beiden Freunde noch einmal richtig besaufen. Da kommen ihnen vier Mitglieder der Manson-Familie in die Quere, die es eigentlich auf die Bewohner des Anwesens des Musikproduzenten Terry Melcher abgesehen haben, das nun von Polanski und der mittlerweile hochschwangeren Sharon Tate bewohnt wird. Doch als sich der bereits angetrunkene Rick über die Lärmbelästigung des laufenden Motors auf der Straße beschwert, ändern sich die Dinge …
Mit zehn Nominierungen war Tarantinos Hollywood-Crime-Drama bei der diesjährigen Oscar-Verleihung einer der großen Favoriten, musste sich aber – wie die anderen Favoriten wie Sam Mendes‘ „1917“ und Martin Scorseses Mafia-Epos „The Irishman“ - in den wichtigsten Kategorien aber Bong Joon Hos Gesellschaftssatire „Parasite“ geschlagen geben. Tatsächlich unterläuft „Once Upon a Time in Hollywood“ gleich auf mehreren Ebenen die Erwartungen der Zuschauer.
Zunächst gibt es keine wirkliche Geschichte zu erzählen. Tarantino beschränkt sich die meiste Zeit der immerhin 160 Minuten Spielzeit, den Alltag des abgehalfterten Western-Serien-Stars Rick Dalton und seines besten Kumpels zu beschreiben. Das nutzt er vor allem dazu, etliche Filmzitate einzustreuen, bei denen Cineasten das Herz aufgehen dürfte. Aber er macht durch die ungewöhnliche Freundschaft zwischen Rick Dalton und Cliff Booth auch auf die Ungleichgewichte in Hollywood aufmerksam: Hier sind die gut verdienenden Stars, die sich mit ihren Auftritten auf der Leinwand luxuriöse Villen mit Swimming Pool leisten können; dort die unauffälligen Arbeiter hinter den Kulissen, die oft den gefährlicheren Job ausüben, aber – wie Cliff – nur in einem Trailer wohnen. Doch bei aller Kritik am Studiosystem hat Tarantino vor allem sichtlich Freude daran, seine beiden Stars Leonardo DiCaprio („Inception“, „Django Unchained“) und Brad Pitt („12 Monkeys“, „Ad Astra“) miteinander abhängen zu lassen, die sichtlich Freude an ihren Rollen haben. So lässt er DiCaprios Figur über Spaghetti-Western und Hippies ablästern und ihn bekennen, dass er eigentlich nie eine Chance hatte, Steve McQueens Rolle in „Gesprengte Ketten“ zu bekommen.
Während Rick Dalton fraglos den deprimierteren Typen verkörpert und in den Kostümen seiner Rollen oft absolut lächerlich aussieht, ist Cliff mit seinem Leben im Schatten seines berühmten Freundes absolut zufrieden. Ihm reicht die Gesellschaft seines Hundes und das Wohnen im Trailer, erinnert sich aber auch gern daran zurück, wie er Bruce Lee in einer Drehpause zu dessen Serie „Das Geheimnis der grünen Hornisse“ eine ordentliche Lektion erteilt hat.
Unterhaltsam ist aber auch die Performance von Margot Robie („The Wolf of Wall Street“, „Tonya“) als Sharon Tate. Wie sie eine Vorstellung ihres eigenen Films „Rollkommando“ besucht, um sich daran zu erfreuen, wie das Publikum über die Szenen lacht, in denen sie an der Seite von Dean Martin mitwirkt, ist ebenso wunderbar wie ihre unbekümmerte Begegnung mit Pussycat aus der Manson-Familie.
Tarantino entwickelt den eigentlichen Plot, nämlich den Überfall einiger Manson-Anhänger auf Sharon Tate, eher nebenher und löst ihn äußerst überraschend und mit einem echten, Tarantino-typischen Knall auf. Was Tarantino in der Schlusssequenz an satter Action aufbietet, mag nach der lässig-entspannten Inszenierung zuvor ebenso befremdlich wie befreiend wirken, bringt das langsam versponnene Drama aber auch zu einem fulminanten Abschluss. Das ebenso wie Brad Pitts Darstellung mit einem Oscar prämierte Produktionsdesign, die wundervolle Kameraarbeit von Robert Richardson („The Aviator“, „Kill Bill“), der wie immer coole Soundtrack und die tolle Besetzung, unter der sich Tarantinos vertraute Weggefährten wie Kurt Russell, Michael Madsen und Tim Roth mit Mini-Rollen begnügten und Damian Lewis („Homeland“) auf einer Party als Steve McQueen darüber lamentieren darf, dass er nie eine Chance bei Sharon Tate hatte, machen „Once Upon a Time in Hollywood“ zum ungewöhnlichsten aller Tarantino-Filme.
"Once Upon a Time in Hollywood" in der IMDb

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