1492 - Die Eroberung des Paradieses

Wenn es um Ridley Scott geht, sind sich die Kritiker gemeinhin einig über die visuelle Klasse seiner Filme, für die erzählerische Qualität trifft das weniger zu. Nach Meilensteinen der Filmgeschichte wie die Sci-Fi-Klassiker „Alien“ und „Blade Runner“ verdarb es sich der ehemalige Werbefilme mit unausgegorenen Filmen wie dem Fantasy-Drama „Legende“ und dem Hochglanz-Thriller „Der Mann im Hintergrund“, ehe er mit dem Yakuza-Thriller „Black Rain“ und dem eindringlichen Road Movie „Thelma & Louise“ wieder in die Spur zurückkam. Sein ambitioniertestes Projekt sollte zur 500-Jahr-Feier von Kolumbus‘ Entdeckung Amerikas das Kolumbus-Biopic „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ werden, doch fiel das Historien-Epos wiederum wegen inhaltlicher Schwächen weitgehend bei Publikum und Kritik durch. 
Inhalt: 
Seit Jahren schon versucht der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus (Gérard Depardieu), einen kürzeren Weg nach Indien und China zu finden, indem er in den unbekannten Westen segelt, statt die lange Route rund um Afrika zu nehmen. Der Landweg war durch das Osmanische Reich, das sich zwischen Europa und Asien drängte, nicht mehr zugänglich. 
Nachdem er in Portugal mit seinem Anliegen scheiterte, versucht es Kolumbus in Spanien, wo er seine Pläne einer Kommission der Universität Salamanca vorträgt. Doch von den wahnwitzig erscheinenden Ideen des ausländischen Seefahrers wollen die bornierten Wissenschaftler nichts wissen. Durch den spanischen Seefahrer Pinzon (Tchéky Karyo) und mit Hilfe eines Bankiers kann Kolumbus sein Vorhaben aber direkt der spanischen Königin Isabella (Sigourney Weaver) vortragen, der der wagemutige Seefahrer sofort sympathisch ist. Ihr Schatzmeister Sanchez (Armand Assante) unterstützt sie in ihrer Entscheidung, Kolumbus seinen Plan durchführen zu lassen, schließlich kann Spanien durch eine direkte Handelsroute viel gewinnen, während bei einem Scheitern der Verlust überschaubar bleibt. 
Bevor Kolumbus mit drei Schiffen von Palos ablegt, gesteht er seinem langjährigen Beichtvater (Fernando Rey), dass er bei der Berechnung der Route gelogen habe, was auch nach einer mehrwöchigen Reise Pinzon bemerkt. Die Matrosen wollen schon meutern, als das lang ersehnte Land in Sicht kommt. 
Als sie auf einer Insel landen, die Kolumbus San Salvador nennt, bemüht sich der mit allen Privilegien ausgestattete Seefahrer um einen friedlichen Umgang mit den einheimischen Indios, verhängt für Plünderungen und Vergewaltigung harte Strafen. Doch die erhofften Goldfunde bleiben aus. Eine weitere Insel wird entdeckt, doch als mehrere seiner Leute erkranken, kehrt Kolumbus nach Spanien zurück, wo er als Held gefeiert wird. 
Die auf der Insel zurückgelassenen Männer sollen in der Zwischenzeit ein Fort bauen. Doch als Kolumbus zurückkehrt, sind seine Männer getötet worden, was den rebellischen Adligen Moxica (Michael Wincott) antreibt, einen Krieg gegen die Indios zu führen. Kolumbus setzt dagegen weiter auf eine gleichwertige Gemeinschaft mit den Einheimischen. Da die Adligen dadurch aber auch zu harter Arbeit gezwungen werden, zettelt Moxica eine Rebellion gegen Kolumbus an… 

Kritik: 

Bereits mit seinem Kinodebüt „Die Duellisten“ hat Ridley Scott seine Faszination für vergangene Epochen zum Ausdruck gebracht. Sein Wunsch, frühere Zeiten, Verhalten und Ansichten wiederaufleben zu lassen, führte ihn zu Kolumbus, dessen Leben und Wirken er dekonstruieren wollte. Dabei half ihm die Pariser Journalistin Roselyn Bosch, die Zugang zu Archiven in Sevilla und Madrid und über vierzig Millionen Dokumenten aus der Zeit Kolumbus‘ erhielt. Allerdings wurde es schwierig, eine so unpopuläre Epoche wie das ausgehende 15. Jahrhundert einem Mainstream-Publikum schmackhaft zu machen. 
Auch wenn der 45 Millionen US-Dollar teure Film sich auf die kurze Spanne von Kolumbus‘ Eintreffen in Madrid bis zu seiner Rehabilitierung beschränkt und die Ereignisse stark vereinfacht, kommt das Historien-Epos auf eine stolze Länge von knapp zweieinhalb Stunden. Scott nutzt diese Zeit vor allem dafür, Kolumbus als fortschrittlichen Humanisten zu präsentieren, der sich mit Unverständnis von den Praktiken der Inquisition abwendet und neue, wenn auch riskante Wege zur Entdeckung neuer Welten zu beschreiten bereit ist. 
Mit Gérard Depardieu („Green Card“, „Der Bulle von Paris“) ist die Idealbesetzung für den leidenschaftlichen Seefahrer und vermag – unterstützt von erstklassigen Haupt- und Nebendarstellern wie Sigourney Weaver, Armand Assante, Michael Wincott, Kevin Dunn, Fernando Rey und Tchéky Karyo – den Film zu tragen. 
Allerdings wird der Umgang mit den Indio-Völkern doch stark vereinfacht und Kolumbus ohne echte Schwächen dargestellt. Zu seiner heldenhaften Verehrung passen die oft kitschigen, wenn auch immer wieder berauschenden Bilder von Adrian Biddle („Alien 2 – Die Rückkehr“, „Willow“) und der pompöse Score von Vangelis („Blade Runner“, „Bitter Moon“), der erfolgreicher werden sollte als der Film selbst. 
Wer es mit der historischen Genauigkeit also nicht zu genau nimmt, wird bei „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ mit einem opulenten Bilderrausch bedient, der den schwierigen Aufbruch zu einer Neuen Welt thematisiert, ohne aber ausführlich über die Folgen für die indigene Bevölkerung einzugehen. 

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