The Choral
Der britische Regisseur und Produzent Nicholas Hytner ist
neben seiner Verfilmung von Arthur Millers Theaterstück „Hexenjagd“
(1996) durch seine langjährige Leitung des National Theatre bekannt
geworden und hat nun mit dem Kriegsdrama „The Choral“ (2025) eine Ode
auf die Kraft der Musik in schwierigen Zeiten inszeniert.
Inhalt:
Die Moral in der britischen Kleinstadt Ramsden, Yorkshire,
liegt am Boden. Während im Jahr 1916 an der Westfront der Krieg tobt und immer
neue Nachrichten vom Tod junger Soldaten eintreffen, sorgt sich der auch von Fabrikbesitzer
Duxbury (Roger Allam) als Vorstand angeführte Chor um das Fortbestehen,
nachdem er die meisten seiner Mitglieder an den Krieg verloren hat. Als sich auch
noch der Chorleiter in den Krieg zieht, steht der Vorstand nicht nur vor der
Herausforderung, neue Mitglieder zu rekrutieren, sondern auch noch einen
passenden Chorleiter zu finden. Schließlich einigt sich das Gremium auf den
nicht unumstrittenen Dr. Henry Guthrie (Ralph Fiennes), dem nicht nur
nachgesagt wird, homosexuell und atheistisch zu sein, sondern vor allem eine
Vorliebe für das Deutschland zu hegen, von wo er wegen des Krieges zurück nach
England gezogen ist. Guthrie lässt sich zwar schließlich überreden, doch dann
stellt sich die Frage, welches Werk aufgeführt werden soll.
Da Brahms, Beethoven, Mendelssohn und Bach ausscheiden,
weil sie Deutsche sind, entscheidet sich Guthrie schließlich für „The Dream of
Gerontius“ des englischen Komponisten Edward Elgar. Guthrie begibt sich
auf die Suche nach neuen Stimmen. Er testet junge Männer, die noch nicht
eingezogen wurden, und wird nicht nur in Pubs und Geschäften, sondern auch im
Lazarett fündig.
Die Mischung aus alten Damen und Herren, jungen Männern und
einer herausragenden Solistin, der für die Heilsarmee arbeitenden schwarzen Krankenschwester
Mary (Amara Okereke), spielt sich allmählich ein, die Proben werden intensiver
und besser. Während der Krieg wie ein Damoklesschwert über allem schwebt und alle
jungen Männer im Ort den Einberufungsbefehl erhalten und gemustert werden,
freuen sie sich über den Aufschub, der ihnen bis zur Aufführung des Oratoriums gewährt
wird, und bandeln mit jungen Frauen an, damit sie auf jeden Fall zum ersten Mal
Sex haben, bevor sie in den Krieg ziehen...
Kritik:
In unruhigen Zeiten baut man auf Bewährtes und ist Neuem
gegenüber besonders skeptisch.
Nicholas
Hytner hat mit dem Ersten Weltkrieg eine bedrohliche Kulisse im
Hintergrund geschaffen, die sich auch auf das Leben im beschaulichen Ramsden
auswirkt. Der Krieg mag weit weg sein, doch die Folgen bekommt die kleinstädtische
Gemeinde überall zu spüren, schließlich trudeln jeden Tag Nachrichten von
gefallenen Soldaten ein. Der Chor dient hier als Katalysator für das Aufrechterhalten
der Hoffnung. Zwar werden Homosexualität, die Deutschen und andere Glaubensrichtungen
skeptisch hinterfragt, doch unter der entschiedenen Führung des besonnenen
neuen Chorleiters werden schnell alle Differenzen egalisiert, der
Gemeinschaftssinn gestärkt. So findet vor allem ein junger Mann, der lange Zeit
als vermisst galt und mit nur einem Arm nach Hause zurückkehrt, um festzustellen,
dass sein Mädchen ihn nicht mehr liebt, als Solo-Tenor im Chor neuen Halt in
seinem Leben. Aber das gilt auch für viele andere Mitglieder des stetig
wachsenden Chors. Mit einer atmosphärisch stimmigen Ausstattung, einem souverän
agierenden Ralph Fiennes („Der ewige Gärtner“, „Schindlers Liste“, „Konklave“)
als Hauptdarsteller und einiger interessanter Nebenfiguren lässt „The Choral“
keinen Zweifel an der verbindenden Kraft der Musik. Auch wenn der Plot sehr vorhersehbar
ist und die Botschaft ohne echte Ecken und Kanten präsentiert wird, ist der
Film ein unspektakuläres, aber einfühlsames Feel-Good-Movie geworden.
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