Die My Love

Mit den beiden prominent besetzten Dramen We Need to Talk About Kevin” (2011), A Beautiful Day” (2017) avancierte die schottische Filmemacherin Lynne Ramsay zu einer Autorenfilmerin, die unbequeme Themen anpackt und sie unkonventionell zu inszenieren versteht. Während Tilda Swinton in We Need to Talk About Kevin” den Amoklauf ihres Sohnes zu verarbeiten versucht, befreit Joaquin Phoenix in „A Beautiful Day“ junge Mädchen, die zur Prostitution gezwungen werden, aus den Fängen von Menschenhändlern. In ihrem neuen Film „Die My Love“ schickt die gelernte Fotografin nun die Hollywood-Stars Jennifer Lawrence und Robert Pattinson auf eine Tour de Force.

Inhalt:

Als die frisch verliebten Grace (Jennifer Lawrence) und Jackson (Robert Pattinson) in das renovierungsbedürftige Haus von Jacksons verstorbenen Onkel im ländlichen Montana ziehen, scheint das Glück perfekt, denn da Grace schwanger ist, müssen die Zukunftspläne etwas konkretere Formen annehmen. Doch die Schriftstellerin Grace bekommt nichts mehr aufs Papier, vermischt stattdessen Tintenklekse mit ihrer Muttermilch, während Jackson zwar vom Musizieren träumt und beim Blick durchs Teleskop begeistert davon ist, Teil von etwas Größerem zu sein, aber den Familienunterhalt als Truckfahrer drei Tage die Woche verdienen muss. Während sich Grace liebevoll um ihren Sohn kümmert, macht ihr die Einsamkeit zu schaffen. Da Jackson meist zu müde oder nicht willig ist, um wie früher leidenschaftlichen Sex mit ihr zu haben, masturbiert sie, vertraut sich verzweifelt ihrer Schwiegermutter (Sissy Spacek) an und fühlt sich vor allem Jacksons dementem Vater Harry (Nick Nolte) nahe, flippt aber auch immer wieder aus, wenn sie meint, Jackson würde sie nicht genug unterstützen. Mit der im Raum schwebenden Diagnose postnatale Depression kann Grace wenig anfangen…

Kritik:

Bereits in Darren Aronofskys „Mother!“ (2017) hat Jennifer Lawrence („Passengers“, „Red Sparrow“) in der Rolle einer psychisch stark belasteten Ehefrau geglänzt, deren Leben durch das Eintreffen ungeladener Gäste auf den Kopf gestellt wird. In der Adaption des gleichnamigen Romans von Ariana Harwicz ist sie die im Zentrum stehende Figur, eine Frau, die leidenschaftlich zu lieben versteht, erst ihren Freund, dann ihr Baby, dann aber an der zunehmenden Entfremdung von ihrem auch emotional abwesenden Mann leidet und ihre Verzweiflung und Einsamkeit in unkontrollierten Wutausbrüchen auslebt. Ramsay springt dabei munter zwischen den glücklichen Zeiten in der Vergangenheit und den zermürbenden Momenten in der Gegenwart hin und her, bedient sich dabei auch unterschiedlicher Farben und Filter, um das Gefühlschaos adäquat zu bebildern. „Die My Love“ erzählt die Geschichte einer jungen Liebe, die am drögen Alltag und der Nichterfüllung jugendlicher Träume zerbricht. Nicht mal die Leidenschaft, mit der sie sich einst auf dem Boden geliebt haben, ist geblieben. Während Lawrence die emotionale Achterbahnfahrt ihrer Figur mit fesselnder, breit angelegter Mimik, mit der Zuschaustellung ihres Körpers auch in unangemessenen Situationen zum Ausdruck bringt, bleibt Pattinson nur die Rolle des tatenlos beobachtenden Zuschauers, der mit der Situation einfach überfordert ist. Ramsay arbeitet eher mit dem Wechsel der Situationen, Zeiten und Gemütszustände, um das emotionale Pulverfass zu beschreiben, das Grace darstellt, als dass sie in der Erzählung der Geschichte darauf eingeht. Das macht „Die My Love“ zu einem extrem unbequemen Film, bei dem man nie weiß, was als nächstes kommt, und dessen symbolhaltigen Bilder ebenso verstören wie faszinieren.

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