Nackt

Der britische Autorenfilmer Mike Leigh („Lügen und Geheimnisse“, „All or Nothing“) hat sich bereits früh in seiner Karriere als unprätentiöser wie empathischer Beobachter der einfachen, im Kino kaum beachteter Menschen erwiesen, doch so unbequem und verstörend wie in „Nackt“(1993) hat er die Trostlosigkeit des Unterschichts-Milieus bislang nicht eingefangen.

Inhalt:

Nachdem er sich in Manchester in einer dunklen Nebengasse brutal an einer Frau vergangen hat, die daraufhin droht, ihren Freund zu informieren, flüchtet Johnny (David Thewlis) vorsichtshalber nach London und sucht die Wohnung seiner Ex-Freundin Louise (Lesley Sharp) auf, die allerdings noch ihrem Job nachgeht und von ihrer Mitbewohnerin Sophie (Katrin Cartlidge) nicht vor sieben Uhr abends zurückerwartet wird. Die Einladung zum Tee nimmt der mittellose, heruntergekommen wirkende Johnny gern an. Mit seiner schnoddrigen Art versteht es aber, ein Verhältnis mit der ebenfalls von der Stütze lebenden Sophie anzufangen, nur um Louise zu kränken. Unstet wie er ist, zieht es Johnny durch die Straßen, wo er mit anderen gescheiterten Existenzen ins Gespräch kommt, darunter einem Nachtwächter und einem Plakatierer, die er bei ihrer Arbeit begleitet, bis er von einer Gang auf offener Straße zusammengetreten wird. Unterdessen hat sich der rücksichtslose und verlogene Yuppie Jeremy G. Smart (Greg Cruttwell) bei Louise und Sophie eingenistet…

Kritik:

Es ist nichts für zarte Gemüter, was uns Mike Leigh mit „Nackt“ zumutet. Mehr noch als die Trostlosigkeit von Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben oder auf Unterstützung vom Staat angewiesen sind, fokussiert sich der Brite hier auf die Verschlagenheit und Gewaltbereitschaft von Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben. Dabei ist Johnny durchaus gebildet. Mit bitterbösem Zynismus zitiert er griechische Klassiker, die Heilige Schrift und Nostradamus, doch mit seinem endlosen Geschwafel verstört er eher seine Gesprächspartner, als dass er sich wirklich mit ihnen unterhält. Dafür ist er auch zu wenig an ihnen interessiert. Stattdessen geht es den Menschen, die Leigh hier portraitiert, nur um den kurzen Kick, den schnellen, oft auch harten Sex, die Zigarette und den Drink – alles zum Betäuben der eigenen Ziellosigkeit, der nagenden Verzweiflung, nichts aus seinem Leben und seinen Träumen machen zu können. Mit düsteren, meist in der regennassen Nacht gedrehten Bildern fängt Leigh die unterschwellig permanent präsente Verzweiflung seiner Figuren ein, die sich mal in rein verbaler, oft genug auch körperlicher Gewalt entlädt.

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