Nicht nur Mike Leigh („Lügen und Geheimnisse“, „Nackt“)
und Ken Loach („Sorry We Missed You“, „The Old Oak“) haben
mit ihren Filmen realistische und sozialkritische Darstellungen des britischen
Arbeitermilieus abgeliefert, auch Peter Cattaneo („Dear Rosie“, „Lucky
Break“) gelang 1997 mit seinem Regiedebüt „Ganz oder gar nicht“ ein herzerwärmendes
und zugleich humorvolles Drama über das Schicksal einiger Arbeitsloser, die die
verrücktesten Dinge anstellen, um wieder zu Geld zu kommen.
Inhalt:
In den 1970er Jahren sorgte die blühende Stahlindustrie für
allgemeinen Wohlstand der nordenglischen Industriestadt Sheffield, doch davon ist
zwanzig Jahre später nichts mehr zu spüren. Stillgelegte Stahlwerke haben zu hoher
Arbeitslosigkeit und entsprechender Armut geführt, auch bei Gaz (Robert
Carlyle), der nach seiner Entlassung kaum mehr den Unterhalt für seinen
Sohn Nathan (William Snape) aufbringen kann. Er und sein Freund Dave (Mark
Addy) schlagen sich mehr schlecht als recht durch ihr ereignisloses Leben, grasen
die verlassenen Werke nach Stahlträgern ab, die sich noch zu Geld machen
lassen. Als seine Ex-Frau Mandy (Emily Woof), die mittlerweile wieder
glücklich liiert ist, die alleinige Sorge für Nathan beantragen will und sein
Sohn offensichtlich wachsend ungern überhaupt noch Zeit mit seinem
ungeschickt-kauzigen Vater verbringen will, sucht Gaz verzweifelt nach einem
Ausweg aus seiner Misere. Ein in der Stadt von der Frauenwelt heiß umlagerter
Auftritt der Showstripper The Chippendales bringt ihn auf die Idee, ein
ähnliches Projekt zu initiieren. Gemeinsam mit Dave und Nathan startet er ein
entsprechendes Casting, um eine sexy Truppe für einen sensationellen Auftritt
zu rekrutieren, doch das Sichten der Bewerber verspricht zunächst allenfalls
eine prächtige Blamage. Erst als sie ihren ehemaligen Vorarbeiter Gerald Arthur
Cooper (Tom Wilkinson) beim Tanzunterricht mit seiner Frau aufsuchen und
ihn überzeugen können, ihnen Tanzstunden zu geben und die Choreografie zu
übernehmen, kommt etwas Schwung in die Sache. Doch so leicht, wie sich Gaz die ehemaligen
Stahlarbeiter die Sache vorgestellt haben, lässt sich das Vorhaben dann doch
nicht umsetzen…
Kritik:
Mit einem Kurzfilm über den wirtschaftlichen Aufschwung in
Sheffield durch die boomende Stahlindustrie in den 1970er Jahren beginnt Peter
Cattaneo einen wunderbaren Low-Budget-Film („The Full Monty“ – so der
Originaltitel - wurde in nur 40 Drehtagen mit einem Budget von 3,5 Millionen US-Dollar
realisiert), der nicht nur einfühlsam aufzeigt, was die weithin grassierende
Arbeitslosigkeit mit den Menschen macht (so gelingt es Gerald auch nach sechs
Wochen noch nicht, seiner Frau von seinem Schicksal zu berichten, während sie weiterhin
unbekümmert mit seinen Kreditkarten shoppen geht), sondern er beschreibt auch
die einfachen Sehnsüchte der zunehmend an mangelndem Selbstbewusstsein
leidenden Menschen. Während Gaz vor allem Zeit mit seinem Sohn verbringen will,
sich aber nicht mal den Eintritt zu Fußballspielen nicht leisten kann und mit
seinen Unterhaltszahlungen im Rückstand ist, fühlt sich der etwas fülligere
Dave nicht mehr sexy genug, um mit seiner Frau zu schlafen. Das Drehbuch von Simon
Beaufoy („Slumdog Millionär“, „127 Hours“) und die einfühlsame Inszenierung
legen viel Wert darauf, die Figuren nicht der Lächerlichkeit preiszugeben,
sondern den alltäglichen Überlebenskampf und die Bewahrung ihrer Würde
realistisch darzustellen, wobei vor allem die trostlosen Kulissen der Werksruinen
ihren Beitrag leisten. Dass „Ganz oder gar nicht“ dabei selbst nicht zu
einer trostlosen Selbstmitleidsnummer verkommt, liegt an den wunderbar slapstickartigen
Bemühungen der Truppe, es den Chippendales nachzumachen, wobei sie sich von
US-amerikanischen Produktionen wie „Flashdance“ und Disco-Hits wie Hot
Chocolates „You Sexy Thing“ inspirieren lassen. Die Filmemacher bringen
genau den britischen Humor ins Spiel, um „Ganz oder gar nicht“ zu einem
sehr persönlichen Feel-Good-Drama mit sozialkritischen Untertönen zu machen.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen