La Grazia

Paolo Sorrentino („The Young Pope“, „Ewige Jugend“) hat seinen Lieblingsschauspieler Toni Servillo bereits zweimal in der Rolle eines Präsidenten nach realen Vorbildern präsentiert: In „Il Divo – Der Göttliche“ (2008) verkörperte Servillo den 29-mal angeklagten und ebenso oft freigesprochenen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti, in „Loro“ (2018) den umstrittenen Silvio Berlusconi. Für Sorrentinos neues Werk „La Grazia“ schlüpft der großartige Darsteller in die fiktive Rolle eines alternden italienischen Präsidenten, der kurz vor Ende seiner Amtszeit vor schwierigen Entscheidungen steht.

Inhalt:

Sechs Monate bleiben dem Staatspräsidenten Mariano De Santis (Toni Servillo) noch, um die politischen Weichen für die Zeit nach seiner Amtszeit zu stellen, weshalb er zwei Wochen vor Ablauf zurückzutreten gedenkt, um so als ständiger Senator in der Kammer über die Wahl seines Nachfolgers mitentscheiden zu können. Der Witwer, Katholik und Richter lebt mit seiner Tochter, der Juristin Dorotea (Anna Ferzetti) zusammen, die an einem Gesetz zur Sterbehilfe arbeitet, das sie von ihrem Vater gerne noch während seiner Amtszeit unterschreiben lassen würde, doch gibt er ihr den Entwurf immer wieder zur Überarbeitung zurück. Seine freundschaftliche Verbindung zum Papst (Rufin Doh Zeyenouin) und sein katholischer Glauben sträuben sich gegen eine Entscheidung für das Gesetz. Was De Santis aber ebenso umtreibt, ist die Sehnsucht nach seiner verstorbenen Frau und die Identität ihres Liebhabers. Außerdem hat der ehemalige Richter noch über zwei Gnadengesuche zu entscheiden. In einem Fall hat ein Lehrer seine unter der Alzheimer-Krankheit leidende Ehefrau erdrosselt. In einem anderen hat eine Frau ihren Mann im Schlaf erstochen, nachdem sie 15 Jahre lang unter seiner Gewalt gelitten hatte. Obwohl er diese Aufgabe zunächst seiner Tochter überträgt, entscheidet er sich, zumindest den Mann zu besuchen, der seine Frau offenbar aus Liebe von ihrem Leiden erlöst hat und dessen Gnadengesuch von nahezu allen Bewohnern seiner Stadt unterschrieben worden ist…

Kritik:

In seinem vorangegangenen, eher gemischt aufgenommenen Werk „Parthenope“ (2024) feierte Sorrentino über zwei Stunden lang die Schönheit einer jungen Frau. Mit „La Grazia“ kehrt der italienische Autorenfilmer wieder zu seinen Ursprüngen zurück, befasst sich einmal mehr mit dem Altern, der Verständigung zwischen den Generationen und der Frage, „wem unsere Tage gehören“. Das prinzipientreue Staatsoberhaupt muss erkennen, dass er die Zügel der Macht einer jüngeren Generation übergeben muss, und arbeitet die Vergangenheit seiner verlorenen Liebe auf. Sorrentino schwelgt dabei wie gewohnt in großartig komponierten Bildern, unterlegt sie oft genug mit einem pulsierenden Techno-Sound, um Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verbinden und die offensichtlichen Kontraste zwischen den Generationen und ihren jeweiligen Werten und Überzeugungen herauszuarbeiten. Toni Servillo ist dabei der Fels in der Brandung, ein Staatsmann und besonnener Vater, der sich Zeit für seine Entscheidungen nimmt, der aber auch melancholisch die Bilder seiner großen Liebe heraufbeschwört, die ihn mit einem ihm noch unbekannten Liebhaber betrogen hat. Dabei erscheint er als Figur, die die Anerkennung seiner Kinder, die Nähe zum Volk sucht; als kluger, aber auch einsamer Mann, der die Möglichkeit einer neuen Liebe gar nicht in Betracht ziehen will, auch wenn es an Avancen nicht fehlt. Bei aller philosophischer Reflexion und grandiosen Bildern wirkt „La Grazia“ aber auch seltsam unentschlossen zwischen politischer Ernsthaftigkeit und persönlicher Melancholie. Sehenswert ist das Drama mit humorvollen Untertönen aber allemal.

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