All or Nothing
Auch wenn Mike Leigh in der jüngeren Vergangenheit
mit den Filmen „Mr. Turner – Meister des Lichts“ (2014) und „Peterloo“
(2018) historische Stoffe verarbeitete, zählt er nach wie vor zu den
herausragenden britischen Filmemachern, die sich auf sehr empathische Weise mit
den Problemen der einfachen working class auseinandersetzen. Das gelang
ihm auch mit dem Drama „All or Nothing“, das 2002 im Wettbewerb um die
Goldene Palme der Internationalen Filmfestspiele von Cannes uraufgeführt wurde.
Inhalt:
Phil (Timothy Spall) und Penny (Lesley Manville)
leben zusammen mit ihren beiden übergewichtigen Kindern Rory (James Corden)
und Rachel (Alison Garland) in einer Londoner Hochhaussiedlung und
kommen eher schlecht als recht über die Runden. Während Penny mit ihrer
Freundin und Nachbarin Maureen (Ruth Sheen) im Supermarkt „Safeway“ an
der Kasse arbeitet und Rachel in einem Altersheim putzt, steuert Phil als
Taxifahrer nur einen bescheidenen Teil zum Lebensunterhalt der Familie bei,
weigert er sich doch, schon frühmorgens lukrative Touren zum Flughafen zu
übernehmen. Und Rory weigert sich kategorisch, sich um einen Job zu bemühen,
stopft stattdessen Fast Food in sich hinein, lümmelt sich auf der Couch vor dem
Fernseher herum und pöbelt seine Mutter an.
Auch Phils Kollegen und Freund Ron (Paul Jesson) geht
es nicht besser. Rons Frau Carol (Marion Bailey) ist Alkoholikerin und ständig
so betrunken, dass sie nichts mehr geregelt bekommt. Das nervt vor allem Tochter
Samantha (Sally Hawkins), die allerdings auch keiner Arbeit nachgeht und
stattdessen im freizügigen Outfit die Jungs in der Nachbarschaft anbaggert.
Während Phil und Ron sich gelegentlich eine Auszeit im Pub gönnen, amüsieren
sich Penny, Carol und Maureen bei Karaoke-Wettbewerben in einer Bar. Die alleinerziehende
Maureen verdient sich mit Bügeln etwas dazu und muss ihrer Tochter Donna (Helen
Coker) beistehen, die von ihrem aggressiven Freund gerade geschwängert
worden ist…
Kritik:
Mit „All or Nothing“ beweist Mike Leigh („Vera
Drake“, „Nackt“, „Lügen und Geheimnisse“) einmal mehr, dass er sehr genau
weiß, in welchem Milieu er seine Filme ansiedelt. Die deprimierende Tristesse Londoner
Hochhaussiedlungen wird dabei ebenso authentisch als Kulisse verwendet wie die
klaustrophobische Enge in den Wohnungen mit der geschmacklosen Einrichtung und
der Verzweiflung, die den Figuren in den Gesichtern eingebrannt ist. Entweder
wird hier im Süden Londons gar nicht gearbeitet oder in prekären
Beschäftigungsverhältnissen gerade so viel verdient, dass es zum Überleben
reicht. Leigh stellt diese Kontrastkulisse zu Hollywoods Hochglanz-Produktionen
aber nicht zur Schau, gibt seine Figuren nicht der Lächerlichkeit preis. Er schildert
ihre alltäglichen Sorgen, den tristen Arbeitsalltag mit einer dokumentarisch
anmutenden Sorgfalt und legt ihnen Dialoge in den Mund, wie man sie sich in
diesem Milieu genau so vorstellt, ohne ins Klischeehafte zu verfallen. In jeder
Szene merkt man „All or Nothing“ an, dass der Autor und Regisseur mit
seinen Figuren fühlt, dass er ihre einfachen Sehnsüchte nach Liebe und
Anerkennung ernst nimmt. Dass das Drama dabei nicht gänzlich in der
Hoffnungslosigkeit versinkt, sorgt vor allem das versöhnliche Ende. Aber auch
die Leistung des Ensembles ist besonders hervorzuheben, allen voran die von Timothy
Spall („Mr. Turner – Meister des Lichts“, „Der denkwürdige Fall des Mr.
Poe“) als Taxifahrer, der sich von seiner Frau nicht mehr geliebt fühlt,
und die mit dem London Critics’ Circle Film Award ausgezeichnete Lesley
Manville („Der seidene Faden“, „Lügen und Geheimnisse“) als seine mit
dem Management der Familie überforderte Frau.






.jpg)
Kommentare
Kommentar veröffentlichen