Mit Filmen wie „Rote Laterne“ (1991), „Hero“
(2002) und „House of the Flying Daggers“ (2004) begeisterte der
chinesische Filmemacher Zhang Yimou ein internationales Publikum, doch
hat sich der nach wie vor in seiner Heimat lebende Regisseur in den letzten
Jahren immer wieder mit den Zensurbehörden angelegt. So wurde 2019 sein Film „Eine
Sekunde“ während der bereits angelaufenen Berlinale aus dem Wettbewerb zurückgezogen,
obwohl er schon mehrere Zensurprozesse durchlaufen hatte. Während die offizielle
Begründung auf technische Probleme in der Postproduktion hinwies, musste der
Regisseur aufgrund von Zensurbestimmungen einige Szenen nachdrehen und das
vorhandene Material neu schneiden. So riskant Yimous Unterfangen gewesen
ist, seinen Film in der chinesischen Kulturrevolution anzusiedeln, so berührend
ist die Ode an den Zauber des Kinos geworden.
Inhalt:
Während der Kulturrevolution bricht der Häftling Zhang (Zhang
Yi) aus einem Arbeitslager aus und flieht stundenlang über die Sanddünen
der Wüste Gobi, um in einem Oasendorf eine Filmvorführung zu sehen. Dabei geht
es ihm nicht mal um den Hauptfilm „Heroic Sons and Daughters“ (1964), der von
einem chinesischen Offizier handelt, der im Koreakrieg auf Umwegen seine
Tochter wiederfindet, sondern um die Wochenschau Nr. 22, in der seine
mittlerweile 14-jährige Tochter für eine Sekunde zu sehen sein soll. In zwei
Wochen würde bereits die nächste Wochenschau laufen und seine Chance für immer
vertan, seine Tochter – wenn auch nur auf Zelluloid – wiederzusehen. Als er
verhaftet wurde, war sie acht, seitdem hatte er keinen Kontakt mehr zu ihr. Aber
als er im Dorf ankommt, ist die Vorführung schon vorbei. Die Filmrollen werden
in die Satteltaschen eines Motorrads gepackt, damit sie der mobile
Filmvorführer (Fan Wie) am nächsten Tag in einem anderen Dorf abspielen
kann. Aber das könnte schwierig werden, denn Zhang beobachtet, wie das Mädchen
Liu (Liu Haocun), eine verwahrloste Waise, eine Filmrolle aus der Tasche
des abgestellten Motorrads klaut. Es beginnt eine Jagd, als ginge es um Leben
und Tod, nicht um zwei Stunden Unterhaltung. In der Tat treibt Liu ein
existenzielles Motiv zu ihrem Diebstahl: Die Waise möchte für ihren kleinen
Bruder einen Lampenschirm aus Filmstreifen basteln, damit er sich beim Lesen
nicht die Augen verdirbt…
Kritik:
Als Mitbegründer der sogenannten „Fünften Generation“
chinesischer Filmemacher ist Zhang Yimou politischen Druck gewohnt, sind
viele seiner im Ausland gefeierten Filme doch in seiner Heimat verboten. Das hält
den herausragenden Filmemacher aber nach wie vor nicht davon ab, sich kritisch
mit der Geschichte und Politik seines Landes auseinanderzusetzen, doch setzt er
dafür eher unscheinbare, vor allem ästhetische Mittel ein. Wenn zu Beginn von „Eine
Sekunde“ ein grandioser Sandsturm über der Wüste tobt, der Himmel sich verdunkelt,
der Wind den Geflohenen vor sich hertreibt und die Tonspur tost, kann man sich gut
vorstellen, welche Botschaft Yimou mit diesen Bildern vermitteln will.
Der Kampf des Einzelnen gegen die Übermacht der Masse schwingt immer wieder mit
in der einfachen Geschichte über die Sehnsucht eines Mannes, der wenigstens für
eine Sekunde noch seine ihm fremd gewordene Tochter auf Zelluloid sehen will
und dabei immer wieder mit einem Mädchen aneinandergerät, die eben dieses
Zelluloid für eigene, ebenso persönliche Zwecke benötigt. Das bei der Jagd nach
der Filmrolle außer Form geratene Material wird liebevoll hinter der Leinwand
vom Filmvorführer, Zhang und unzähligen helfenden Händen entwirrt, gesäubert
und getrocknet. Eindringlicher wurde die Liebe zum Kino selten dargestellt. Aber
„Eine Sekunde“ ist eben nicht nur eine Liebeserklärung an das Kino, sondern
handelt auch von willensstarken Überlebenskünstlern in einer widrigen Welt und
einer eindringlichen Vater-Tochter-Geschichte, wie sie noch nicht im Kino
erzählt worden ist.
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