Family Romance, LLC

Die mittlerweile in Los Angeles lebende deutsche Autorenfilmer-Legende Werner Herzog („Nosferatu – Phantom der Nacht“, „Fitzcarraldo“) ist seit jeher schlafwandlerisch souverän zwischen den Disziplinen Spiel- und Dokumentarfilm gewandert. Seit seine letzten Spielfilm-Produktionen „Königin der Wüste“ (2015) und „Salt and Fire“ (2016) aber nicht gut aufgenommen worden sind, hat sich der mittlerweile 76-Jährige in den vergangenen Jahren auf den Dokumentarfilm verlegt. Nach den Filmen „In den Tiefen des Infernos“ (2016), „Gorbatschow – Eine Begegnung“ (2018) und „Nomad: In the Footsteps of Bruce Chatwin“ (2019) mutet auch Herzogs „Family Romance, LLC“ (2019) wie ein Dokumentarfilm an, thematisiert er doch eine gängige Praxis in Japan, Freunde und Verwandte zu mieten. Als Hauptdarsteller konnte Herzog schließlich den echten CEO einer solchen Agentur gewinnen.

Inhalt:

Als CEO der – real existierenden – Agentur Family Romance, verleiht Ishii Yuichi (Ishii Yuichi) Fake-Verwandte an seine Kunden. Er selbst übernimmt den Auftrag, den Vater der 12-jährigen Mahiro (Mahiro Tanimoto) zu mimen, der die Familie und seine Tochter schon vor zehn Jahren verlassen hat. Die wohlhabende, aber nach wie vor alleinerziehende Mutter möchte ihrer Tochter allerdings eine Vaterfigur präsentieren und heuerte Yuichi an, um sich regelmäßig mit ihrer Tochter zu treffen. Allerdings entstehen über die Zusammenkünfte auf beiden Seiten tiefere Gefühle, die allerdings nicht der Geschäftspolitik von Family Romance entsprechen, weshalb Yuichi Mahiros Mutter vorschlägt, dass er „stirbt“. In einem Beerdigungsinstitut legt er sich probehalber schon mal in einen Sarg…
Weniger kompliziert gestalten sich Yuichis Auftritt als Brautvater bei der Hochzeit in Vertretung für den an Epilepsie leidenden echten Vater, als Überbringer eines fingierten Lotto-Gewinns einer bislang glücklosen Frau, deren Hochgefühl ihres früheren Lotto-Gewinns sie noch einmal erleben möchte, oder als Filmer einer Paparazzi-Meute, wodurch sich eine Möchtegern-Influencerin den Durchbruch als Star erhofft…

Kritik:

Im Intro zum Film erzählt Werner Herzog von der interessanten Entstehungsgeschichte des Films: Nachdem ihn einer seiner ehemaligen Filmschüler, der in seinen Augen sehr talentierte Roc Morin, mit der Idee konfrontierte, einen Film über Family Romance zu machen, er selbst aber nicht reif für so ein Projekt sei, flog Herzog quasi direkt nach Japan und drehte dort in einer ihm fremden Sprache einen Film, bei dem der Filmemacher selbst hinter einer digitalen Videokamera stand und – obwohl er die Sprache nicht verstand – oft schon die ersten Takes verwendete, weil ihm die Szenen authentisch vorkamen. Dazu passt auch der Umstand, dass zwar ein Drehbuchgerüst vorlag, das gewisse Schlüsselelemente vorsah, aber die Dialoge entstanden oft aus der Situation heraus. So wirkt „Family Romance, LLC“ schon von der Machart her wie ein Dokumentarfilm, wobei sich Herzog an großstädtischen Aufnahmen aus der Luft, an den üppig blühenden Kirschbäumen und touristischen Hotspots erfreute, die er wunderbar mit seiner Kamera einfängt. Am interessantesten ist jedoch das Thema selbst: Herzog geht der spannenden Frage nach, wie weit Menschen zu gehen bereit sind, um ihr Glück zu finden. In einem Gespräch mit Mahiros Mutter konstatiert Yuichi, dass nicht nur er Mahiro belügt, indem er ihr vorgaukelt, ihr Vater zu sein, auch sie hat ihn belogen, als sie ihn mit Urlaubsbildern am Strand von Bali beeindrucken will, die allerdings an einem sehr naheliegenden Strand gemacht worden seien, wie ihre Mutter beteuert. Für ein wenig Glück und Geborgenheit darf hier die Illusion schon mal mehr wert sein als die oft bittere, einsame Wahrheit.

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