Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
Einen besseren Start als Regisseur in Hollywood hätte sich Mike
Nichols („Die Reifeprüfung“, „Cath-22 – Der böse Trick“) nicht
erträumen lassen. Seine Verfilmung des mehrfach ausgezeichneten Theaterstücks „Wer
hat Angst vor Virginia Woolf?“ von Edward Albee, das im Jahre 1962
am Billy Rose Theater in New York uraufgeführt wurde, erhielt gleich 13
Oscar-Nominierungen und gewann am Ende fünf der begehrten Trophäen. Dass gleich
drei der insgesamt nur vier Darsteller für einen Academy Award nominiert wurden,
spricht dafür, dass Mike Nichols schon früh ein Händchen in Sachen
Schauspieler-Führung hatte. Richard Burton und Elizabeth Taylorglänzen dabei als langjähriges Ehepaar, das seine Enttäuschungen in Lügen,
Gemeinheiten und Hass auslebt.
Inhalt:
Nach einer Geselligkeit im Hause ihrer Eltern kehrt die
ebenso trinkselige wie zynische Martha (Elizabeth Taylor) mit ihrem
Ehemann George (Richard Burton), der als Geschichtsprofessor am College
unterrichtet, dem Marthas Vater als Universitätsprofessor vorsteht, in ihr Haus
zurück, das sie mit theatralischer Geste wiederholt als „Dreckloch, verdammtes“
bezeichnet. Es ist allerdings weder Zeit, ins Bett zu gehen noch das Haus
aufzuräumen, denn überraschenderweise und sehr zum Missfallen von George hat
Martha zu später Stunde noch Gäste von der abendlichen Party zu sich
eingeladen, den neuen, 28-jährigen Biologieprofessor Nick (George Segal)
und seine junge Frau Honey (Sandy Dennis).
Als Martha erzählt, dass ihr Sohn am kommenden Tag seinen
16. Geburtstag feiert, löst sie bei ihrem erzürnten Ehemann eine Reaktion aus, mit
der den gesamten Frust in der langjährigen Ehe entlädt. Im Garten vertraut
George dem jungen Mann an, dass er sich in seiner Ehe ständig anpassen müsse
und Nick als Bedrohung ansieht. Nick wiederum gibt unumwunden zu, dass er Honey
nur wegen ihres Geldes und der vermuteten Schwangerschaft geheiratet habe, dass
er sich in der Universität überall einschleimen und unentbehrlich machen wolle,
dass Martha dafür ein guter Anfang sei. Als Martha und George das junge Paar
nach Hause fahren wollen, halten sie noch an einer Bar an, wo die Emotionen
zwischen den beiden Ehepaaren vollends hochkochen…
Kritik:
Eigentlich waren zunächst Bette Davis und James
Mason für die Hauptrollen der Warner-Produktion vorgesehen, doch mit Elizabeth
Taylor und Richard Burton, die für ihr turbulentes Eheleben bekannt
waren, verpflichtete das Studio schließlich die prominentere Wahl. Fast scheint
es, als spielten die beiden Hollywood-Stars sich selbst, wenn sie sich
schonungslos gegenseitig Gehässigkeiten und Lügen an den Kopf werfen, wobei
ihnen das junge Gelehrten-Paar ein fast schon hilfloses Publikum ist. Allein die
zartbesaitete Holly hält dem Druck nicht stand, muss sich immer wieder
erbrechen und versteht oft nicht, worum es überhaupt geht, weshalb George sie
auch unbekümmert „Dummchen“ nennt. Nick versucht dagegen, den gehässigen Gastgebern
etwas Paroli zu bieten, die offenen sinnlichen Avancen von Martha zu anzunehmen,
fühlt sich ihr aber natürlich am Ende nicht gewachsen. Mike Nichols
fängt diese Tortur in kontrastreichen Schwarzweißbildern ein, bleibt dicht bei
den Figuren, so dass sich jede Emotion hautnah in den Gesichtern der
Streithähne ablesen lässt. Hier werden menschliche Abgründe thematisiert, die
normalerweise nicht mal im Gespräch zu zweit zum Ausdruck kommen würden, doch
sowohl Martha als auch George sind zu geübt darin, sich einander Boshaftigkeiten
an den Kopf zu werfen, doch in dieser einen Nacht kommt noch mehr zur Sprache
als sonst. Die beengende Kulisse des vollgepropften Hauses und die nächtliche
Stimmung sorgen dafür, dass „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ bis
heute zu den eindringlichsten Dramen über das Scheitern der Liebe zählt.


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