Gespenster
Als einer der wichtigsten zeitgenössischen Autorenfilmer in
Deutschland hat es Christian Petzold („Phoenix“, „Undine“) zur
Meisterschaft gebracht, seine Figuren mit einer gewissen Distanz in oft schwer
nachvollziehbaren Kontexten zu präsentieren, sie gleichsam wie „Gespenster“ erscheinen
zu lassen, wie sein gleichnamiger, 2005 produzierter Berlinale-Beitrag dann
auch treffend gleich im Titel mitschwingen lässt.
Inhalt:
Nina (Julia Hummer) ist eine ungefähr 16-jährige
Waise, die in einem Berliner Wohnprojekt lebt und ihren Lebensunterhalt damit
verdient, in Parks den Müll aufzusammeln. Eines Tages beobachtet sie, wie im
Park ein junges Mädchen von zwei Männern verschleppt wird und kümmert sich um
sie, als die Männer von ihr abgelassen haben. So lernt Nina Toni (Sabine
Timoteo) kennen, eine etwas ältere Waise, eine rastlose, selbstbewusste Gelegenheitsdiebin,
von der Nina sofort fasziniert ist. Sie zieht mit ihr durch die Stadt und wird
dabei von einer wildfremden Frau angesprochen, die sich als Françoise (Marianne
Basler) vorstellt. Die Französin hatte in Berlin einst ihre damals dreijährige
Tochter Marie durch eine Entführung verloren und kehrt seitdem immer wieder
zwanghaft zum Tatort zurück und glaubt nun (wieder einmal), in der Jugendlichen
die Gesuchte zu erkennen. Bevor sich das anhand zweier körperlicher Merkmale
überprüfen lässt, wird Nina von Toni zu einem Casting geschleppt, wo sie dem
Regisseur (Benno Fürmann) erzählen sollen, wie sie Freundinnen geworden
sind. Vereinbarungsgemäß legt Toni vor mit einer frei erfundenen Geschichte,
wirkt aber längst nicht so sicher wie bei den Proben zuvor. Nina hingegen, die
sich lange sträubt, überrascht mit einer zwar stockend vorgetragenen, aber
authentisch wirkenden Geschichte, in der sich Traum, Wunschtraum und Reales
mischen. Die mit einem Lob verbundene Einladung zu einer abendlichen Party
nehmen die beiden an und tanzen dort innig miteinander, doch der Abend endet
für Nina mit einer weiteren Enttäuschung.
Kritik:
Ähnlich wie in vielen anderen Filmen Petzolds tritt
auch bei „Gespenster“ die Handlung in den Hintergrund. Vielmehr transportiert
der Film die Stimmung vor allem der scheuen Nina, die sowohl durch Toni als
durch die französische Frau, die Nina für ihre verloren geglaubte Tochter hält,
zumindest kurzzeitig etwas Halt und Orientierung, eine vage Idee davon
vermittelt bekommt, was aus ihrem Leben werden könnte. Bis dahin ist sie aber vor
allem Tonis Komplizin, Freundin, doch trotz ausgetauschter Zärtlichkeiten will
sich zwischen den beiden jungen Frauen nichts Dauerhaftes entwickeln. Dazu sind
sie vom Naturell her doch zu unterschiedlich. Auf der anderen Seite erleben wir
Françoise auf einer unmöglichen Mission. Verzweifelt sucht sie nach jeder Spur
am damaligen Tatort, um ihre entführte Tochter wiederzufinden, entfremdet sich
dabei zusehends von ihrem Mann Pierre. Der episodenhafte Charakter macht „Gespenster“
etwas sperrig, das können auch die teilweise rauschhaften Bilder und das eindringliche
Sounddesign ebenso wenig ändern wie die beiden großartigen Jungdarstellerinnen.
Am Ende blicken wir auf drei sehr unterschiedliche, aber gleichermaßen einsame
Frauen, denen es nicht gelingt, in einer anonymen Großstadtwelt zu sich selbst
zu finden.



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