Vera Drake

Der britische Autorenfilmer Mike Leigh („Lügen und Geheimnisse“, „All or Nothing“) ist für seine detailfreudigen Milieustudien der britischen Unterschicht bekannt geworden und überrascht immer wieder mit neuen Aspekten und Themen. So schildert sein 2004 entstandenes Drama „Vera Drake“ das Leben einer Engelmacherin im Nachkriegs-London.

Inhalt:

London, 1950. Vera Drake (Imelda Staunton) ist nicht nur Mutter der erwachsenen, aber schüchternen Ethel (Alex Kelly) und des selbstbewussten Sid (Daniel Mays) sowie Ehefrau des Autowerkstattbetreibers George (Richard Graham), sondern kümmert sich über ihren eigenen Haushalt hinaus auch liebevoll um hilfsbedürftige, einsame Menschen in ihrer Nachbarschaft, macht ihnen frischen Tee und schüttelt ihre Kissen auf, hat stets ein freundliches Wort parat. Sie lädt sogar den alleinstehenden Reg (Eddie Marsan) zu sich nach Hause zum Essen ein und bahnt so eine Beziehung zwischen ihm und Ethel an. Was ihre Familie allerdings nicht weiß: Vera führt bei jungen, verzweifelten Frauen Abtreibungen durch. Mit einem Gummischlauch und Seifenwasser besucht sie die Mädchen und arbeitet dabei genauso gewissenhaft, wie bei jeder anderen Tätigkeit auch, lässt sich aber nicht dafür bezahlen. Als eines der Mädchen aber schwer erkrankt und ins Krankenhaus muss, bekommt Vera gerade in dem Moment Besuch von Detective Inspector Webster (Peter Wight), als die Familie die Verlobung von Reg und Ethel feiert…

Kritik:

Ähnlich wie seine früheren Werke zeichnet sich auch Mike Leighs „Vera Drake“ dadurch aus, dass er die Handlungen seiner Figuren nicht verurteilt. Der Film folgt zunächst der älteren, namensgebenden Protagonistin, wie sie den Haushalt ihrer Familie schmeißt und dazu emsig und freundlich verschiedene Hilfstätigkeiten bei vereinsamten Menschen in ihrer Nachbarschaft ausübt, dazu auch noch bei der wohlhabenden Mrs. Wells (Lesley Manville) putzt, deren Tochter Susan (Sally Hawkins) ausgerechnet von Veras Sohn Sid vergewaltigt und schwanger wird. Auch wenn Veras Schicksals im Mittelpunkt des Films steht, nimmt sich Leigh die Zeit, auch die anderen Figuren zu begleiten, die zarte Bande, die Reg und Ethel knüpfen, die beiden gemeinsam die Autowerkstatt führenden Brüder George und Frank (Adrian Scarborough), der sich wiederum über Nachwuchs freuen kann. Ein Großteil der Handlung spielt sich in den beengten, meist dunklen Räumen der Drakes ab. Die helle, weitläufige Wohnung der Wells demonstriert bereits durch diesen Kontrast die Unterschiede zwischen unterer Mittelschicht und gehobenem Bürgertum. Bevor sich der Film allerdings in den Routinen des Alltags und des fröhlichen Miteinanders verliert, begleiten wir Vera bei ihrer geheimen Tätigkeit, mit der sie in Not geratenen Frauen durch einen einfachen Eingriff mit Seife und Gummischlauch hilft, ungewollte Kinder zu bekommen. Dass diese unbezahlte, gutgemeinte Tätigkeit fast das Leben einer ihrer Patientinnen kostet, lastet Vera schwerer auf dem Gewissen als der Prozess, der vor allem für ihre Angehörigen zur Belastungsprobe wird. Auch in diesem Fall fällt Leigh kein Urteil über Veras Tätigkeit, sondern er beschränkt sich auf gewohnt einfühlsame Weise darauf, ein Bewusstsein für die Thematik von Schwangerschaftsabbrüchen zu schaffen.

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