Mr. Turner – Meister des Lichts

In seiner langen Karriere als bedeutender Vertreter des New British Cinema hat der Autorenfilmer Mike Leigh („All or Nothing“, „Lügen und Geheimnisse“) vor allem wegen seiner gut beobachteten Milieustudien der einfachen Arbeiterklasse von sich reden gemacht. 2014 präsentierte er mit dem opulent inszenierten Biopic „Mr. Turner – Meister des Lichts“ jedoch eine ganz andere Art von Film, erzählt von den letzten 25 Jahren des bedeutenden britischen Malers Joseph Mallord William Turner (1775-1851).

Inhalt:

Nach einer Inspirationsreise durch die Niederlande kehrt der aus einfachen Verhältnissen stammende Marine- und Landschaftsmaler Joseph Mallard William Turner (Timothy Spall) im Jahr 1826 nach London zurück, wo er seinem Schaffen nachgeht und wo er mit seinem Vater William (Paul Jesson) sowie seiner Haushälterin Hannah Danby (Dorothy Atkinson) wohnt. Während sich Turners Vater, ein ehemaliger Barbier, um Interessenten kümmert und die Leinwände für seinen Sohn vorbereitet, besorgt Hannah den Haushalt und befriedigt gelegentlich auch die animalischen Triebe des meist vor sich hin brummelnden und grunzenden Künstlers. Diese beiden Vertrauten schirmen den Maler geschickt vor der Umwelt ab, und obwohl Turner fraglos das Genie unter den Kollegen der altehrwürdigen Royal Academy Of Arts ist, eckt er mit seiner forschen und herablassenden Art oft genug an.
Als sein Vater jedoch stirbt, fühlt sich Turner auf einmal allein, malt zunehmend abstrakter. Während sein Londoner Haus mit den angeschlossenen Verkaufsräumen schließlich nur noch von seiner Haushälterin bewohnt wird, flüchtet sich der Maler zur praktisch begabten Zimmerwirtin und Witwe Sophia Booth (Marion Bailey) in die kleine Küstenstadt Margate, von wo er es nicht weit bis zum Wasser hat, wo er sich mit seinen Skizzenbüchern niederlässt und so seinen Depressionen zu entfliehen versucht…

Kritik:

Mike Leigh zeigt kein Interesse, Englands berühmtem Maler ein Heldendenkmal zu setzen. Stattdessen setzt sein zweieinhalbstündiger Film am Höhepunkt von Turners Karriere ein. Zwar demonstriert „Mr. Turner“ exemplarisch an den berühmten Bildern „Das Sklavenschiff“, „The Fighting Temeraire“ und „Rain, Steam and Speed – The Great Western Railway“, welche Mühen der Maler auf sich genommen hat, um seine Kunst zu erschaffen, doch Leigh geht es vor allem darum aufzuzeigen, was für ein eigensinniger, brummelnder und teilweise respektloser Mensch Turner gewesen ist. Ihm lag wenig daran, mit seiner Kunst Geld zu verdienen. Er war einfach nur daran interessiert, das Licht über dem Meer einzufangen. Timothy Spall („Vanilla Sky“, „Lügen und Geheimnisse“) brilliert dabei als exzentrischer, grober Künstler, der seine Haushälterin, die mehr für ihn empfindet, fast schon vergewaltigt, nach dem animalischen Akt vor dem Bücherregal sofort zur Tagesordnung übergeht, während sie sich gern ein wenig Zärtlichkeit gewünscht hätte. Leigh arbeitet überzeugend heraus, dass Turner nur sehr wenige echte Vertrauenspersonen in seinem Leben hatte und dieses ganz der Kunst widmete. Auch wenn der Film keine echte, von dramatischen Höhe- oder Wendepunkten vorangetriebene Handlung präsentiert, fängt „Mr. Turner“ die Figur des genialen Malers wunderbar ein, was neben der herausragenden Darstellung durch Timothy Spall, der sich zwei Jahre lang das Malen und den Umgang mit Ölfarben beigebracht hatte, vor allem an der authentischen Ausstattung und Dick Popes („Legend“, „Motherless Brooklyn“) leuchtenden Bildern liegt.

 

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