Nina Hoss hat bereits in „Anonyma – Eine Frau in
Berlin“ (2008) eine Trümmerfrau gespielt, ist mit dem Sujet also
schon aus eigener Erfahrung sehr vertraut. Da trifft es sich gut, dass Christian
Petzold nach „Toter Mann“ (2001), „Wolfsburg“ (2003), „Yella“
(2007), „Jerichow“ (2009), „Dreileben – Etwas Besseres als den Tod“
(2011) und „Barbara“ (2012) für sein Nachkriegs-Drama „Phoenix“
(2014) erneut auf die herausragende deutsche Actrice zurückgreifen konnte.
Inhalt:
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bringt die in Berlin
für die Jewish Agency arbeitende Lene Winter (Nina Kunzendorf) ihre
Freundin, die voll bandagierte Auschwitz-Überlebende Nelly Lenz (Nina Hoss),
aus der Schweiz nach Berlin und sorgt dafür, dass Nellys Start in ein neues
Leben möglichst reibungslos verläuft. Sie verschafft ihr eine große, möblierte
Wohnung, plant eine Übersiedlung nach Haifa in Palästina und arrangiert einen
Termin beim Gesichtschirurgen (Michael Maertens). Da Nellys Familie tot und
Nelly dank des Erbes vermögend sei, stehen ihr alle Möglichkeiten offen. Doch
statt eines neuen Gesichts, das einem Filmstar ähnelt, will Nelly ihr altes Gesicht
zurück. Die Operation verläuft gut, doch als Nelly ihren Ehemann Johnny (Ronald
Zehrfeld) beim Kellnern im Berliner Club „Phoenix“ entdeckt, erkennt er sie
nicht. Schließlich hält er seine Frau für tot. Die Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen
Frau bringt ihn allerdings auf eine Idee: Esther – so stellt sich Nelly ihrem
Mann vor, der sich nun Johannes nennt - soll Nellys Rolle spielen, damit er an
die Erbschaft der vermeintlich Verstorbenen herankommt. Nelly lässt sich vor
allem deshalb darauf ein, weil sie dadurch Johnny wieder näherzukommen hofft.
Sie zieht bei Johnny in eine sehr einfache Kellerwohnung ein und bekommt von ihm
beigebracht, wie sie ihre Rolle zu spielen hat. Sie übt das Gehen, die
Handschrift und die Art, wie sich Nelly geschminkt hat. Johnny hält Esther/Nelly
zunächst auf Distanz, jedoch wird ihre Beziehung allmählich etwas bisschen
besser. Doch dann erfährt Nelly, dass ihr Mann sie damals verraten habe und
selbst ungeschoren davonkam…
Kritik:
Statt die Gräuel zu zeigen, die die Nazis an den Juden in den
Konzentrationslagern verübt haben, erzählt Petzold die Geschichte der
Nazi-Verbrechen aus der Perspektive der KZ-Überlebenden Nelly Lenz, die
allerdings gar nicht daran denkt, ein neues Leben mit einer neuen Identität,
einem neuen Gesicht anzufangen. Stattdessen will sie ihr altes Gesicht zurück
und wieder mit ihrem Mann zusammenleben. Doch weder bekommt sie ihr altes
Gesicht zurück, noch scheint eine glückliche Wiedervereinigung mit Johnny realistisch,
scheint er seine Frau doch als tot abgeschrieben und nur noch auf ihr Erbe aus
zu sein. Nina Hoss verkörpert die KZ-Versehrte zunächst als unsicher
agierendes „Frankenstein“-Monster, die durch ihre engagierte Freundin Lene
langsam wieder ins Leben zurückkommt. Der Fokus der Geschichte liegt allerdings
auf der ungewöhnlichen Beziehung zwischen Nelly/Esther und Johnny/Johannes, die
zwar verheiratet sind, aber sich nicht mehr (wieder)erkennen. Beide leben in
einer ihnen fremden Welt, nähern sich aber allmählich einander an, bis sie in
einer emotional aufgeladenen Schlussszene einen großen Teil der Wahrheit
durchdringen. In diesem leise inszenierten Drama schwingen natürlich klassische
Film-noir-Motive wie die traumatisierten Kriegsheimkehrer und Erinnerungen, die
eine dunkle Vergangenheit heraufbeschwören und trügerisch sind, mit, doch stehen
die Fragen um Identität, Liebe und Verrat eindeutig im Vordergrund eines klug und
einfühlsam inszenierten Thriller-Melodrams.
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