Der deutsche Autorenfilmer Christian Petzold („Barbara“,
„Wolfsburg“) ist ein Meister darin, alltägliche Geschichten in einem sehr
reduzierten Stil zu inszenieren. Vor sorgfältig austarierten Bild- und
Klangkulissen geben seine Figuren kein Wort zu viel von sich, bleiben dem
Publikum fremd und nah zugleich, wobei die Inszenierung ihren eigenen Sog entwickelt.
Mit „Jerichow“ legte Petzold 2008 seine eigene Version von James M. Cains
1934 veröffentlichten Roman „The Postman Always Rings Twice“ vor, der
bereits u.a. von Luchino Visconti („Besessenheit“, 1943), Tay
Garnett („Im Netz der Leidenschaften“, 1946) und Bob Rafelson
(„Wenn der Postmann zweimal klingelt“, 1981) verfilmt worden ist.
Inhalt:
Auf der Beerdigung seiner Mutter trifft der ehemalige
Zeitsoldat Thomas (Benno Fürmann) auf seinen alten Kindheitsfreund Leon
(André Hennicke), dem er noch mehrere Monatsmieten schuldig ist. Zwar erbt
Thomas das Haus seiner verstorbenen Mutter, doch die finanzielle Reserve, die
Thomas im Baumhaus auf dem Grundstück in Prignitz versteckt hat, entdeckt Leon
und lässt Thomas mittellos zurück. Da trifft es sich gut, dass er dem Türken
Ali (Hilmi Sözer) aus der Patsche hilft und dafür einen Job als Fahrer in
seinem Unternehmen angeboten bekommt. Thomas hilft Ali seinem Boss dabei, die
Betrügereien seiner Mitarbeiter aufzudecken, verliebt sich aber auch in Alis attraktive,
zunächst aber sehr abweisende Frau Laura (Nina Hoss), die bald Thomas‘ Interesse
erwidert. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, Ali nach seiner Rückkehr nach dem
Besuch seiner Verwandten aus der Türkei mit dem Wagen die Klippen hinunterzustürzen…
Kritik:
Vor dem Hintergrund der tristen Landschaft an der
ostdeutschen Küste erzählt Petzold die vertraute Geschichte mit
ungewohnten Mitteln. Nichts lenkt hier von den drei schicksalhaft miteinander
verbundenen Figuren ab. Nur bruchstückhaft erfahren wir von den Krisen ihrer
Vergangenheit, dass Thomas nach seinem Afghanistan-Aufenthalt unehrenhaft
entlassen worden ist und deshalb kaum Chancen hat, im regulären Arbeitsmarkt
unterzukommen; dass Laura im Gefängnis gesessen hat und ihre großen Schulden nur
mit der Hilfe von Ali zurückzahlen konnte, dem sie dafür ewig dankbar sein
muss. Aber lieben tut sie ihn eben nicht. Sie weiß aber auch, dass Liebe ohne
Geld nicht möglich ist, und so spielt das liebe Geld eigentlich die vierte,
wenn nicht die wichtigste Hauptrolle in dem Drama, das ebenso von Liebe und
Leidenschaft wie von Misstrauen lebt. Sowohl Thomas als auch Ali spionieren Laura
hinterher, die Paranoia und Eifersucht droht jedes Gefühl von Liebe zu
zerstören. Das spielt Petzolds Fähigkeit, seine Figuren mit kühler Distanz
zu betrachten, fraglos in die Hände, und doch wird deutlich, wie es unter den
bröckelnden Fassaden brodelt, wie verzweifelt alle doch am Leben hängen und
sich nach Sicherheit, Vertrauen und Liebe sehnen. Das ist wunderbar zwischen
all den Autofahrten, die den Rhythmus des Films vorgeben, inszeniert und von
den drei Darstellern eindrucksvoll verkörpert.
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