Transit

Christian Petzold („Die innere Sicherheit“, „Phoenix“) zählt fraglos zu den eigenwilligsten deutschen Autorenfilmern, findet er doch immer neue Wege, vertraute Inhalte und Themen in ungewöhnlichen Konstellationen zu erzählen. Das triffts insbesondere auf „Transit“ zu, womit er die Handlung von Anna Seghers‘ 1944 veröffentlichten Flüchtlingsromans ins Jetzt verlegt.

Inhalt:

Der Deutsche Georg (Franz Rogowski) sitzt in einer Kneipe im von Faschisten besetzten Paris und erhält den Auftrag zwei Briefe einem anderen Geflüchteten, dem Autor Weidel, zu bringen. Der eine ist von seiner Frau, die ihn bittet, nach Marseille zu kommen, der andere von der mexikanischen Botschaft, die ihm eine Ausreise ermöglichen will. Doch als Georg die Herberge aufsucht, in der Weidel abgestiegen ist, findet er nur noch die blutüberströmte Badewanne vor, in der sich der Schriftsteller das Leben genommen hat.
Zusammen mit den Briefen, Weidels Papieren und seinem schwer verletzten Freund Heinz macht sich Georg als blinder Passagier in einem Güterzug auf den Weg nach Marseille. Heinz verstirbt während der Reise, Georg gelingt knapp die Flucht und sucht die taubstumme Frau Melissa (Maryam Zaree) seines anderen Kameraden und ihren gemeinsamen Sohn Driss auf.
Mit Weidels Visum könnte Georg Europa verlassen. Bei seinen Bemühungen, alle Papiere zusammenzukriegen, trifft er andere Flüchtende wie eine jüdische Architektin (Barbara Auer), die hofft, als Hundesitterin ein Visum zu bekommen, einen Dirigenten (Justus von Dohnányi), der nach Caras einreisen darf, oder einen Arzt (Godehard Giese), der eigentlich schon längst in Mexiko sein wollte, aber nun doch noch warten muss, bis auch seine Freundin Marie (Paula Beer) ihre Papiere zusammen hat. Georg ahnt, dass Marie die Frau des verstorbenen Schriftstellers ist, und verliebt sich in sie…

Kritik:

Petzolds Film ist nach „Fluchtweg nach Marseille“ (1977) von Ingemo Engström und „Transit“ (1991) von René Allio bereits die dritte Verfilmung von Anna Seghers‘ zuerst in den USA veröffentlichten Roman, überrascht aber von Beginn an durch die zeitliche Verlegung der Geschichte einer Flucht vor den Nazis in die heutige Zeit. Es ist der Road Trip eines Mannes, der durch ein Täuschungsmanöver alle Möglichkeiten in der Hand hat, woanders ein neues Leben zu beginnen, und doch nicht von der Stelle kommt. Es ist eine Reise voller interessanter Begegnungen und eine Reise, in der Georg allmählich zu sich selbst findet, ohne damit etwas anfangen zu können. Petzold lässt die Faschisten durch französische Polizisten ersetzen, verlegt das Geschehen in eine europäische Stadt, die als Schmelztiegel der Kulturen bekannt ist. In dieser Welt bewegt sich Georg mit einer gelassenen Melancholie, offen für die merkwürdigsten Begegnungen, bis er sich sogar in die Frau des verstorbenen Dichters verliebt. Erst durch die Annahme der Identität eines anderen scheint Georg selbst Profil zu gewinnen und eine Ahnung von dem zu entwickeln, was er mit sich und seinem Leben anfangen soll. Das ist wunderbar gespielt und vieldeutig, gekonnt inszeniert. Vor allem demonstriert Petzold mit „Transit“ eindrucksvoll, dass Flucht und Ausgrenzung zeitlose Themen sind, mit denen wir uns ständig auseinandersetzen müssen.

Kommentare

Beliebte Posts