Seit den 1970er Jahren erzählt der britische Autorenfilmer Mike
Leigh („Freudlose Augenblicke“, „Hohe Erwartungen“, „Nackt“) von dem
unaufgeregten Alltag ganz normaler Menschen aus der Arbeiterklasse. 1996 inszenierte
er mit „Lügen und Geheimnisse“ ein Drama rund um eine Adoption und wie sie
das fragile Gefüge einer Familie nachhaltig ins Wanken bringt.
Inhalt:
Die schwarze Optikerin Hortense (Marianne Jean-Baptiste)
steht nach dem Tod ihrer Adoptiveltern allein da und begibt sich in ihrem
Schmerz auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter, von deren Existenz sie seit
ihrem siebten Lebensjahr weiß. Über eine Sozialarbeiterin (Lesley Manville)
erhält sie die entsprechenden Unterlagen über ihre Geburt und die Adoption. Nach
einigem Zögern ruft sie Cynthia (Brenda Blethyn) an. Die weiße,
alleinerziehende Fabrikarbeiterin wurde als 15-Jährige im Urlaub von einem
Schwarzen geschwängert und hatte das Kind zur Adoption freigeben, ohne das Baby
ein einziges Mal zu Gesicht zu bekommen. Nach einer herzzerreißenden Aussprache
in einem menschenleeren Café nähern sich Mutter und Tochter schnell an und
treffen sich regelmäßig zum Essen oder gehen zusammen ins Kino. Als der 21.
Geburtstag ihrer Tochter Roxanne (Claire Rushbrook) ansteht, der bei Cynthias
jüngerem Bruder Maurice (Timothy Spall), einen Fotografen, den sie seit zwei
Jahren nicht gesehen hat, und dessen Frau Monica (Phyllis Logan)
gefeiert werden soll, nimmt Cynthia Hortense als „Freundin“ mit, doch nach dem
anfangs harmonischen Essen auf der Terrasse platzt Cynthia mit der Wahrheit
heraus…
Kritik:
Wie gewohnt erweist sich Mike Leigh in seinem mehr
als zweistündigen Drama „Lügen und Geheimnisse“ als besonnener Erzähler, der
ohne Hast und ohne künstlich erzeugte Spannung zunächst von das Leben zweier
ganz unterschiedlicher Frauen beschreibt, hier die frustrierte, etwas über
40-jährige Fabrikarbeiterin Cynthia, die mit ihrer ebenfalls unglücklichen, als
Straßenkehrerin arbeitenden Tochter in einem typischen Reihenhaus der
Arbeiterklasse in einem Vorort Londons lebt und zu deren wenigen Vergnügungen
das Sonnenbaden im winzig kleinen, zugemüllten Garten hinter dem Haus zählt. Dort
die engagierte schwarze Optikerin Hortense, die zwar ihre Adoptiveltern
verloren hat, aber immerhin ein paar gute Freundinnen hat, mit denen sie sich
aussprechen kann. Dennoch nagt die Leere in ihr, keine Familie mehr zu haben,
was sie mutig die Suche nach ihrer leiblichen Mutter angehen lässt. Es dauert
eine Stunde, bis sich Hortense und Cynthia in einem Café begegnen. Leigh bleibt
mit der Kamera etwas erhöht vor den Gesichtern der nebeneinandersitzenden
Frauen stehen und verfolgt das emotionale Kennenlernen, bei dem Cynthia immer wieder
in Tränen ausbricht, Hortense als „Schätzchen“ bezeichnet und sich erst spät bewusstwird,
dass Hortense ihrer kurzen Urlaubsaffäre als Teenager entsprungen ist, nachdem
sie zuvor fest davon überzeugt gewesen ist, dass sich Hortense und vor allem die
Sozialarbeiterin geirrt haben müssen. Neben dieser eindringlichen, sehr langen
Sequenz ist es vor allem die Familienfeier, die zunächst etwas steif beginnt –
schließlich haben sich die Geschwister und ihre Familien lange nicht mehr
gesehen -, dann aber durch Cynthias Offenbarung eine ganz eigene Dynamik
entwickelt, die die Familie entweder entzweit oder zusammenbringt. Leigh
gelingt dabei einmal mehr das Kunststück, sich seinen Figuren absolut wertfrei
zu nähern, ihren Alltag als etwas ebenso Normales zu schildern wie ihre
Probleme, die sie allerdings beherzt angehen. Mit diesem Optimismus hat sich „Lügen
und Geheimnisse“ immerhin fünf Oscar-Nominierungen verdient. Vor allem Brenda
Blethyn („Vera - Ein ganz spezieller Fall“, „Grasgeflüster“) und Timothy
Spall („Mr. Turner – Meister des Lichts“, „Vanilla Sky“) spielen
großartig, aber auch der Rest des Ensemble verleiht dem Drama seinen
authentischen Charakter.
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