François Ozon darf als produktivster wie
vielseitigster Filmemacher des europäischen Arthouse-Kinos gelten. Wenn er wie
so gut wie jedes Jahr einen neuen Film herausbringt, darf man gespannt sein,
welches oder welche Genres er damit bedient, welche filmischen
Ausdrucksmöglichkeiten er verwendet. Nach der der Krimikomödie „Mein
fabelhaftes Verbrechen“ (2023) und dem Drama „Wenn der Herbst naht“
(2024) über zwei alte Freundinnen, die ihre Vergangenheit aufarbeiten, folgte 2025
mit der Verfilmung von Albert Camus‘ „Der Fremde“, einem
Klassiker des Existentialismus, eine weitaus ambitioniertere Arbeit.
Inhalt:
Algier in den dreißiger Jahren. Der 30-jährige Meursault (Benjamin
Voisin) verbringt sein Leben mit einem unaufgeregten Bürojob, Besuchen in
seinem Stammlokal und Entspannung am Meer. Als er durch ein Telegramm vom Tod
seiner Mutter erfährt, geht er zur Totenwache, wirkt aber völlig ungerührt,
während die Freunde und Freundinnen seiner Mutter aus dem Altersheim Rotz und
Wasser heulen. Als er am nächsten Tag am Meer seine frühere Kollegin Marie (Rebecca
Marder) wiedertrifft, geht er mit ihr ins Kino und beginnt eine
leidenschaftliche Affäre mit ihr, die über das rein Körperliche nicht
hinausgeht. Als Marie ihn später fragt, ob er sie heiraten würde, stimmt er zu,
aber nur, weil sie es möchte. Ihm ist es im Grunde genommen egal. Als Meursaults
Nachbar Raymond (Pierre Lottin) Probleme mit den algerischen Freunden
und Verwandten seiner ehemaligen Freundin, die er finanziell unterstützt,
bekommt, zieht er ihn eine Spirale der Gewalt mit hinein, die darin kulminiert,
dass Meursault am Strand den Bruder der besagten Frau erschießt. Die
Gefangennahme und den Prozess lässt Meursault ebenfalls völlig ungerührt über
sich ergehen…
Kritik:
François Ozon beginnt seine Verfilmung des 1942
veröffentlichten Romans von Albert Camus mit dokumentarischen Bildern,
die den politischen Kontext der französischen Kolonialherrschaft und
aufkeimender Revolte in Algier erläutern, bevor er die Geschichte des
allgegenwärtigen Protagonisten von hinten aufzäumt. Da wird der junge Mann in
eine große Zelle mit lauter Arabern gesperrt, und als er von einem der Männer
gefragt wird, was er getan habe, antwortet er gleichmütig: einen Araber
getötet. Es ist diese entwaffnende Ehrlichkeit und Offenheit, die immer wieder
für Verwirrung, aber auch Verletzung sorgt, bei der Beerdigung seiner Mutter
ebenso wie im Gefängnis oder beim späteren Prozess, vor allem aber bei seiner
Freundin Marie, der durchaus bewusstwird, dass Meursault auch jede andere Frau
heiraten würde, wenn sie es denn darauf anlegen würde. Es ist seine zur Schau getragene
schonungslose Offenheit, die ihm schließlich zum Verhängnis wird. Im Prozess
wird deshalb auch weniger das Motiv für das Verbrechen verhandelt, sondern die Normabweichung
des jungen Mannes.
Ozon hat dieses existentialistische Drama mit
vertrauten Schauspielern aus früheren seiner Filme und in ästhetischen Schwarzweißbildern
gefilmt, wobei er nah an der literarischen Vorlage bleibt und keine Experimente
wagt. Diese kontrastreichen Bilder von schönen und interessanten Körpern und
Landschaften bilden das Tableau für eine Geschichte, in der Meursault zwar fast
in jeder Szene zu sehen ist, die man aber nicht so recht verstehen mag, weil
sich der junge Mann eben nicht den geltenden Verhaltensnormen bedient, aber
auch keine eigene Meinung zu haben scheint. Er ist tatsächlich „der Fremde“,
auch sich selbst gegenüber.
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