Juror #2
Selbst mit 94 Jahren hat Schauspiel- und Regielegende Clint
Eastwood („Mystic River“, „Erbarmungslos“, „Million Dollar Baby“)
nicht die Lust am Filmemachen verloren. Der vierfache Oscar-Gewinner, der für
seine besonnene Inszenierung bekannt ist, präsentiert in seinem vielleicht
letzten Regiewerk „Juror #2“ (2024) ein Justizdrama, das ganz in der
Tradition von Klassikern wie „Die zwölf Geschworenen“ steht, aber mit
einem interessanten Dreh überrascht.
Inhalt:
Der Lokaljournalist Justin Kemp (Nicholas Hoult) freut sich
zusammen mit seiner Frau Ally (Zoey Deutch) auf die Geburt ihres ersten
Babys. Die Vorfreude wird nur dadurch etwas getrübt, dass er in die Jury für
einen Mordprozess in Savannah, Georgia, einberufen wird. Der als aufbrausend
bekannte James Sythe (Gabriel Basso) soll nach einem heftigen Streit in
einer Bar seine Freundin (Francesca Eastwood) erschlagen haben, deren
Leiche von einem Wanderer an der Böschung einer Landstraße gefunden wurde.
Staatsanwältin Faith Killebrew (Toni Collette) sieht
in dem Verfahren zudem eine gute Möglichkeit, durch den erhofften Schuldspruch
auch politisch zu profitieren. Sythe und sein Anwalt (Chris Messina),
der mit der Staatsanwältin seit langem befreundet ist, beteuern seine Unschuld,
doch Zeugenaussagen, medizinische Befunde und andere Beweise sprechen gegen
ihn. Während der Verhandlung wird Justin klar, dass er nicht nur an dem
fraglichen Abend ebenfalls in der Bar gewesen ist, sondern für den Tod von
Sythes Freundin verantwortlich gewesen sein könnte, weil er auf dem Heimweg etwas
überfahren hat, das er für ein Reh gehalten hat. Verunsichert wendet er sich an
seinen Sponsor bei den Anonymen Alkoholikern (Kiefer Sutherland), der
seinerseits als Anwalt tätig ist und Justin davon abrät, seine mögliche
Beteiligung an dem Fall zu melden. Währenddessen unternimmt einer der
Jury-Mitglieder, der pensionierte Detective Harold (J.K. Simmons),
eigene Ermittlungen in dem vermeintlich klaren Fall…
Kritik:
Clint Eastwoods „Juror #2“ mutet zunächst wie
ein Justiz-Thriller an, doch da sehr schnell deutlich wird, wer für den Tod von
Sythes Freundin verantwortlich gewesen ist, verlagert sich die Geschichte eher
zu einem moralischen Gerichtsdrama, bei dem sich ein Jury-Mitglied fragen muss,
ob er die Verantwortung für eine potenzielle Fahrerflucht auf sich nehmen will,
der er sich bislang gar nicht bewusst war, bzw. wenigstens seinen Teil dazu
beitragen, einen unschuldigen Mann, der wie ein plausibler Täter erscheint, vor
einer möglicherweise lebenslangen Gefängnisstrafe zu bewahren. Auch wenn die Prämissen
in diesem Fall nicht unbedingt plausibel erscheinen – so will Justin als
Journalist zuvor noch nichts von dem Fall gehört haben, und der Zufall, dass er
selbst in der Jury zu einem Fall sitzt, in dem er eine entscheidende Rolle
wahrnimmt, erscheint sehr groß -, verhandelt Eastwood die moralischen
Fragen um Schuld, Moral und Gerechtigkeit sehr ansprechend. Dafür sorgen auch
die starken Darstellungen von Nicholas Hoult und Toni Collette
(die bereits in „About a Boy“ gemeinsam auf einer Bank saßen), aber auch
von J.K. Simmons („Whiplash“, „La La Land“) als engagierter Ex-Cop
und Amy Aquino („Die Waffen der Frauen“, „Mondsüchtig“) bieten
vorzügliche Leistungen in einem unspektakulär inszenierten, aber sehr
unterhaltsamen und nachdenklich machenden Drama.


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