Montparnasse 19

Bereits in seinem frühen Film „Falbalas – Sein letztes Modell“ (1945) thematisierte der französiche Filmemacher Jacques Becker („Goldhelm“, „Das Loch“) das Leid des Künstlers, rahmte die Handlung in den Freitod des egozentrischen Modeschöpfers ein. Ähnlich geriet auch seine Künstlerbiografie über den Maler Amedeo Modigliani. „Montparnasse 19“ (1958) zeichnet nicht das Leben des berühmten Künstlers nach, sondern seziert nur das letzte Jahr seines Lebens, bevor er tuberkulös und alkoholkrank im Alter von 35 Jahren im Pariser Künstlerviertel Montparnasse verstarb.

Inhalt:

Amedeo „Modi“ Modigliani (Gérard Philipe) lebt 1919 im Pariser Viertel Montparnasse und verbringt viel Zeit damit, sich mit der attraktiven Schriftstellerin Beatrice Hastings (Lilli Palmer) zu amüsieren, die auch darüber hinwegsehen kann, dass er sie im Suff hart ohrfeigt und ohnmächtig am Boden liegenlässt. Er zeichnet und malt, kann aber von seiner Kunst nicht leben. Als er bei seinem Lehrmeister (Daniel Mendaille) an der Akademie die junge Kunststudentin Jeanne Hébuterne (Anouk Aimée) kennenlernt, die sogar beabsichtigt, zu ihm zu ziehen, wird sie von ihrer bürgerlichen Familie eingesperrt, um sie von Modigliani fernzuhalten. Seine Freunde, die Zborowskis (Gérard Séty, Lila Kedrova), tun zwar ihr Bestes, um ihn über Wasser zu halten, aber seine angeschlagene Gesundheit, die durch seinen ständigen Konsum von Alkohol und Tabak geschwächt wird, lässt ihn schließlich zusammenbrechen. Sein Arzt verordnet ihm absolute Ruhe. In Nizza erholt sich Modi tatsächlich, doch erst als Jeanne ihn dort aufsucht, scheinen sich die Dinge für den Künstler zum Guten zu wenden.
Nach ihrer Rückkehr nach Paris arrangieren die Zborowskis eine Einzelausstellung in der renommierten Galerie von Berthe Weill (Marianne Oswald), bei der alle zur Eröffnung erscheinen, aber niemand etwas kauft. Nach Beschwerden ordnet die Polizei die Entfernung eines Aktes aus dem Fenster an. Ein zynischer Händler namens Morel (Lino Ventura) erklärt, dass Modigliani sicher bald sterben wird und dass dann die Leute für seine Werke bezahlen werden. Die Zborowskis finden einen amerikanischen Millionär, der sich wirklich für einige von Modiglisanis Leinwänden interessiert (die später weltberühmt werden), aber als er sagt, er würde dann die blauen Augen von Jeanne benutzen, um für seine Produkte zu werben, geht Modigliani angewidert hinaus. Ernüchtert muss Modi konstatieren, dass sich sein Kunst- und Selbstverständnis nicht mit der kommerziellen Realität verbinden lässt…

Kritik:

Die erste Szene in „Montparnasse 19“ ist symptomatisch für Modiglianis Leben: Als er in einem Café das Portrait eines Arbeiters anfertigt, gibt er es dem Künstler zurück, besteht aber darauf, es dennoch zu bezahlen, was wiederum Modigliani ablehnt. Sein Stolz hält den tuberkulösen und trinkfreudigen Mann auch weiterhin davon ab, mit seiner Kunst Geld zu verdienen, obwohl sich durchaus Möglichkeiten anbieten.
Jacques Becker hat den ursprünglich von Max Ophüls geplanten Film vollendet, nachdem Ophüls noch vor Drehbeginn verstorben war. Becker konzentriert sich dabei weniger auf Modiglianis Kunst als auf sein selbstzerstörerisches Leben, seine lockeren Beziehungen zu Frauen, seine große Liebe zu Jeanne, die Modi allerdings nicht den Halt zu geben vermag, um den greifbaren Erfolg auch anzunehmen. Auch wenn Becker eine Reihe von Klischees wie den kulturlosen Amerikaner, den verständnislosen Arbeiter oder den zynischen Kunsthändler bedient, gelingt es ihm, wie schon zuvor mit „Falbalas“, die Atmosphäre in Montparnasse und die gebrochene Figur des unverstandenen Künstlers einzufangen, die Gérard Philipe eindrucksvoll verkörpert.

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