Yella
Während Volker Schlöndorff, Wim Wenders und Werner
Herzog bereits an ihrem Vermächtnis arbeiten, zählt Christian Petzold
zu der jüngeren Generation deutscher Autorenfilmer und zu jenen Mahnern, die
die Risse einer zunehmend beängstigenden Realität thematisieren und auf fast
gespenstisch surreale Weise inszenieren. Das gilt insbesondere für das 2007
entstandene Drama „Yella“, das nach „Die innere Sicherheit“ und „Gespenster“
den letzten Teil von Petzolds „Gespenster-Trilogie“ darstellt.
Inhalt:
Yella (Nina Hoss) hat genug von ihrem alten Leben im brandenburgischen
Wittenberge und ist froh, durch ein Jobangebot in Hannover als Buchhalterin vor
allem ihrem Ex-Mann Ben (Hinnerk Schönemann) entkommen zu können, der
sich mit der Trennung nicht abfinden kann und sie hartnäckig verfolgt. Als er sie
darum bittet, sie wenigstens zum Bahnhof fahren zu dürfen, worauf sie sich
einlässt, versucht er sie zum Bleiben zu bewegen, wirft ihr aber dann vor, ihn
auf der Konkursmasse ihrer gemeinsamen Existenz (Haus und Firma) sitzenzulassen.
Als sie eine Brücke überqueren, verreißt Ben das Steuer, sodass der Wagen in
den Fluss stürzt. Beide retten sich nacheinander ans Ufer und bleiben zunächst
erschöpft liegen. Als Yella aus kurzer Ohnmacht erwacht, rafft sie sich auf und
erreicht noch den geplanten Zug, nur um wenig später den nächsten Rückschlag verkraften
zu müssen. Die Firma, in die sie ein Bekannter, Dr. Schmidt-Ott (Michael
Wittenborn), eingeschleust hat, gibt es quasi nicht mehr. Als Schmitt-Ott
ihr ein alternatives Angebot vermitteln will, steigt sie aus dem Wagen und mietet
sich mit dem Geld, das ihr Vater ihr mit auf den Weg gegeben hat, in einem
Hotel ein, wo sie Phillip (Devid Striesow) kennenlernt, der Mitarbeiter
einer Private-Equity-Firma eine Assistentin mit Yellas Qualifikation sucht.
Wenn er mit insolventen Unternehmen über deren Kapitalbedarf
verhandelt und das Rendite/Risiko-Verhältnis abwägt, geht es unter anderem auch
darum, die Bilanzen zu durchschauen. Für ihren ersten Arbeitstag erhält Yella
von ihm 1.000 Euro in bar, verbunden mit ausdrücklichem Lob. Beim zweiten
gemeinsamen Termin agieren beide schon wie ein eingespieltes Team. Für
Ernüchterung und Wiederherstellung der Rangordnung sorgt Philipp, indem er
Yella eine Falle stellt, in die sie unvorsichtigerweise tappt. Sie ihrerseits
bemerkt, dass er seine Geschäftspartner betrügt. Vor dem überraschend wiederauftauchenden
Ben flüchtet sie spontan in Philipps Arme, verbringt die Nacht mit ihm und
begleitet ihn zu einem dritten Termin nach Dessau. Unterwegs weiht er sie in
seine Zukunftspläne ein: Das Geld, das er heimlich für sich abzweigt, sammelt
er für ein hochlukratives Investmentgeschäft. Doch mit ihrer Unterstützung droht
Yella selbst eine kritische Grenze zu überschreiten…
Kritik:
Christian Petzold wollte mit „Yella“ einen
Film über den modernen Kapitalismus drehen und ließ sich dabei in erster Linie
von Harun Farockis Dokumentarfilm „Nicht ohne Risiko“ (2004) über
Private-Equity-Verhandlungen inspirieren, was die geschäftlichen Verhandlungen in
„Yella“ so authentisch wirken lässt. Um diesem geschäftlichen Gebaren allerdings
eine persönliche Bezugsperson zu vermitteln, hat er mit der von Nina Hoss
(„Rückkehr nach Montauk“, „Das Mädchen Rosemarie“) ebenso überzeugend kühl
wie verzweifelt gespielten Yello eine Frau ins Zentrum der Erzählung gerückt,
die eigentlich ganz andere Probleme beschäftigt, in der elegant klaren Welt der
Zahlen aber eine Möglichkeit entdeckt, ein neues Leben, vielleicht auch eine
neue Liebe zu finden. Es wird aber schnell klar, dass Yella zum Instrument
einer groß angelegten Täuschung missbraucht wird, dass sie selbst diese Mittel
anwendet, um ihren Traum von einem neuen Leben zu verwirklichen. „Yella“
erzählt vor allem davon, dass dieser Traum nicht mehr als das bleibt, ein zu
schönes Trugbild, um wahr zu sein. Das verleiht Petzolds Filmen, auch „Yella“,
eine so pessimistische, mahnende, aber auch verquer romantische Qualität.


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