Schlag 12 in London

Robert Louis Stevensons (1850-1894) grandiose, 1886 veröffentlichte Novelle „Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde“ zählt nicht nur zu den bekanntesten Geschichten zum Thema des Doppelgängers, sondern wurde seit 1908 mehrfach verfilmt, darunter von Friedrich Wilhelm Murnau („Der Januskopf“, 1920), Rouben Mamoulian („Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, 1931), Victor Fleming („Arzt und Dämon“, 1941) und Jean Renoir („Das Testament des Dr. Cordelier“, 1959). Terence Fisher, der für die britische Produktionsfirma Hammer Films bereits Klassiker wie „Dracula“ und „Frankenstein“ zu neuem Leben erweckt hatte, nahm sich 1960 mit „The Two Faces of Dr. Jekyll“ Stevensons Vorlage an, die hierzulande unter dem Titel „Schlag 12 in London“ bekannt wurde. Fishers Adaption zählt aber zu den schwächeren Verfilmungen des Themas – trotz schicker Ausstattung und eines überzeugenden Christopher Lee in der Rolle eines leichtlebigen Dandys. 

Inhalt: 

Seine aberwitzigen Theorien und Experimenten zur Vorstellung, den höheren, reinen Menschen zu befreien, indem er den aggressiven, treibgesteuerten Teil der menschlichen Natur isoliert, haben Dr. Henry Jekyll (Paul Massie) seinen Lehrstuhl an der Londoner Universität gekostet. Verbittert von dem Spott seiner ehemaligen Kollegen hat sich Jekyll nicht nur von der Außenwelt, sondern auch von seiner Frau Kittie (Dawn Adams) zurückgezogen, die sich viel lieber ins Londoner Gesellschaftsleben und in die Affäre mit Jekylls vermeintlichen Freund Paul Allen (Christopher Lee) stürzt. Der Lebemann und Schürzenjäger Allen lässt sich regelmäßig seine angehäuften Spielschulden von Jekyll finanzieren, der nur noch in dem besorgten Professor Ernst Litauer (David Kossoff) einen Freund hat. 
Nachdem Jekyll am Affen erfolgreich sein entwickeltes Serum getestet hat, unternimmt er einen Selbstversuch, worauf sich der vollbärtige Wissenschaftler in den glatt rasierten, attraktiv aussehenden Edward Hyde verwandelt, der sich von einer Droschke umgehend ins „Sphinx“ kutschieren lässt, eine berüchtigte Lasterhöhle, wo er recht schnell entdeckt, dass seine Frau mit Paul mehr als nur ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. Hyde stellt sich den beiden als alter Freund und Geschäftspartner von Dr. Jekyll vor, gerät aber schnell in eine Schlägerei, nachdem er sich auf unsanfte Art einer Prostituierten entledigt hatte. Kitty verlässt entrüstet das Etablissement, während sich Hyde in der Folge als Gegenleistung für die Übernahme von Pauls Schuldscheinen die Londoner Unterwelt und ihre lasterhaften Vergnügungen zeigen lässt. 
Doch da die Wirkung des Serums nach einigen Stunden unvermittelt nachlässt und Hyde sich in Dr. Jekyll zurückverwandelt, muss er stets schnell zurück in sein Labor. Je öfter Jekyll diese Verwandlung durchmacht, umso schneller altert er allerdings, während sein Mr. Hyde nach immer grausameren Vergnügungen strebt. Als er die attraktive Tänzerin und Schlangenbändigerin Maria (Norma Marla) kennenlernt, findet er eine Möglichkeit, sich an Paul und Kitty zu rächen … 

Kritik: 

Während zuvor in den Verfilmungen von Stevensons „Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde“ die Verwandlung des Wissenschaftlers Dr. Jekyll in den triebgesteuerten und aggressiven Mr. Hyde mit einem animalischen Aussehen einherging, haben Regisseur Terence Fisher und Drehbuchautor Wolf Mankowitz („Der Tag, an dem die Erde Feuer fing“, „Casino Royale“) den gegensätzlichen Weg eingeschlagen und präsentieren den von niederen Instinkten gelenkten Mr. Hyde als eleganten, jungen und attraktiven Herren, der gut und gerne als Mann der besseren Gesellschaft durchgehen könnte. 
Doch schon sein erstes, von harschem Umgangston und Gewalt geprägten Auftreten in dem Londoner Vergnügungslokal belehrt den Zuschauer eines Besseren. Die bekannte Geschichte inszeniert Fisher jedoch ohne große dramaturgische Finessen und Spannung. Einzig die gewohnt eindrucksvolle Ausstattung von Bernard Robinson sowohl von Dr. Jekylls Labor und der Londoner Vergnügungsstätten bieten einige Schauwerte, zu denen auch Norma Marlas („The Ugly Duckling“) leider schon letzter Auftritt als Schauspielerin als verführerische exotische Schlangenbeschwörerin zählt sowie Christopher Lees amüsante Darstellung als vergnügungssüchtiger Dandy mit konstanten Geldsorgen. Die spätere Hammer-Produktion „Dr. Jekyll and Sister Hyde“ (1971) von Roy Ward Baker ist da weitaus interessanter gelungen.  

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